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Die Bobo-Königin im grünen Reich

PORTRÄT. Eva Glawischnig ist Parteichefin – aber wohl noch lange nicht Ministerin.

Als „Bobo-Königin“ wird sie nicht nur vom politischen Gegner gern verunglimpft. Die neue grüne Parteichefin aus dem überparteilichen Lager der „Bourgeois bohemiens“ hat nichts mehr mit den puritanischen Ahnen der grünen Gründerzeit zu tun. Die werden in der Partei und deren Wählern gern glorifiziert, auch wenn sie außer wild abstehenden Haaren keinen Nachweis politischer Tätigkeit erbracht haben. (Siehe Andreas Wabl, der so wie sein Chef Alfred Gusenbauer noch immer amtierende „Umweltbeauftragte“ des Kanzlers.)

Unter den Parlamentsparteien sind die Grünen nun die einzigen mit einer Frau an der Spitze. Den lästigen Titel „Kronprinzessin“ kann die 39-Jährige endlich abstreifen. Aber ihr ehrgeiziges Ziel seit Jahren – Ministerin zu werden – ist mit dem 28. September wieder einmal in weite Ferne gerückt. Rot und Schwarz haben kein gesteigertes Interesse an einer „Koalition neu“ mit den Grünen an Bord. In den letzten zwei Jahren hat sich Glawischnig mit dem prominenten Amt der Dritten Nationalratspräsidentin „getröstet“, nun löst sie Van der Bellen ab.

Ihr bürgerliches Erscheinungsbild täuscht darüber hinweg, dass Glawischnig aus der Basisarbeit kommt. Von 1992 bis 1996 arbeitete die „wunderschöne Marxistin“ (Originalton Andreas Khol) bei der Umweltschutzorganisation Global 2000, danach stieg sie über die Wiener Gemeindepolitik in die Bundespartei ein. Seit 2002 war sie Van der Bellens Stellvertreterin, die ihn auf zahlreichen Terminen vertrat. Der bisherige grüne „Bundessprecher“ war ja nicht gerade der omnipräsente Typ und gönnte sich auch Politikpausen. Bei Glawischnig hingegen wurde plötzlich alles zur Politik. Etwa ihre Hochzeit mit dem Journalisten Volker Piesczek im Sommer 2005. Ihr bauchfreies weißes Kleid blieb tagelang Gesprächsstoff. Den 2006 geborenen Sohn Benjamin hält sie hingegen konsequent von den Medien fern.


Atomgegnerin und Frauenrechtlerin

Inhaltlich hat sich die Juristin in erster Linie auf Umwelt- und in zweiter Linie auf Frauenthemen konzentriert. „Energiewende“ ist ihr (und der Grünen) Schlachtruf. Beim Ökostromgesetz geriet die ÖVP nicht zum ersten Mal in ihr Visier. Legendär war das Match mit Umweltminister Josef Pröll 2005 in Sachen Feinstaubgesetz. Eine Schlacht, die die damalige ÖVP-„Zukunftshoffnung“ zeitweise recht alt aussehen ließ. Glawischnigs politischer Kampf gilt auch seit Langem dem Widerstand gegen die Atomkraft.

Im Parlamentspräsidium war sie als junge Mutter ein Novum. Wirklich peinlich aufgefallen war die chaotische Nationalratssitzung vor drei Wochen, bei der schwarze und grüne Abgeordnete fehlten, um gegen den Fristsetzungsantrag zur (später abgelehnten) Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu stimmen. Glawischnig, die den Vorsitz hatte, gab sich danach zerknirscht.

Trotz herber Kritik am Prinzessinnen-Image gilt sie in ihrer Partei als teamorientiert und fachlich fundiert. Für Wahlkämpfe bringt sie ein unentbehrliches Talent mit: Sie ist musikalisch, spielte in ihrer Jugend in einer Band Keyboard und haut bei Events noch immer gerne in die Tasten. Eigentlich hätte sie das Kärntner Gasthaus ihrer Familie übernehmen sollen. Jetzt übernimmt sie eine ganze Partei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)