Warum man Richard Strauss' „Capriccio“ in der Staatsoper stürmen muss.
Nichts ist mehr, wie es war. „Capriccio“ von Richard Strauss galt einst als schwer zu verkaufen. Auch luxuriös besetzte Aufführungen des delikat-hintergründigen Spätwerks gingen vor keineswegs vollem Haus über die Bühne. Heute heißt es: „Ausverkauft.“ Das hat seine Gründe. Die Inszenierung Marco Arturo Marellis, vielleicht kein genialer Wurf, verzichtet auf entstellende Modernismen, lässt handwerklich geschickt die Seelenverwirrungen der Darsteller ahnen, um die es hinter dem Paravent eines Disputs über die Vorherrschaft von Musik oder Text in der Opernkunst eigentlich geht.
Dergleichen ästimiert das Publikum: Während bei Reprisen missglückter Inszenierungen wie jener von Verdis „Macht des Schicksals“ bald Plätze frei bleiben, sind solche Aufführungen gut besucht, auch wenn sie nach der Sommerpause wieder ins Programm genommen werden. Bei „Daphne“ – einst auch schlicht „unverkäuflich“, war es nicht anders. Zürichs Opernchef Alexander Pereira hatte schon recht: Wer viele Premieren in jeder Spielzeit bietet, hat die Chance auf etliche Kassenschlager. Wien bietet derzeit maximal fünf Novitäten pro Saison. Ob die künftige Führung des Hauses mit Budget und Probenplan so zu jonglieren imstande sein wird, das nachhaltig zu ändern?
Primadonnen-Grandezza
Wie auch immer: Die Chance, das Wiener Orchester unter Philippe Jordan noch einmal so herzhaft und beweglich in allen Stimmen Richard Strauss spielen zu hören, sollte man sich ebenso wenig entgehen lassen wie die Spiellaune von Darstellern wie Angelika Kirchschlager, die eine hinreißend kokette Schauspielerin Clairon gibt, umworben vom kabarettistisch-geckenhaften Grafen des Bo Skovhus.
Michael Schade dazu als stimmschöner Komponist Flamand, Adrian Eröd als prägnant-geistreicher Dichter Olivier – sie umwerben die etwas unterkühlt-distanzierte Renée Fleming, deren weiche Sopranstimme freilich mit Primadonnen-Grandezza über dem philharmonischen Wohlklang schwebt. Wolfgang Bankl, der neue La Roche, tönt stimmgewaltig, als wären Mikrofone im Spiel, wirkt aber noch recht persönlichkeitsarm im entscheidenden Monolog über Wonnen und Mühen des Theaterlebens. Doch bestünde ja die Chance, „Capriccio“ öfter ins Programm zu nehmen; als perfektes Stück, an dem ein Ensemble wachsen und gedeihen könnte.
Da die absurde Pause gottlob entfällt, tut die Staatsoper den Ansprüchen von Strauss' Alterswerk derzeit ansehnlich Genüge.
„Capriccio“: 5., 9., 12. Oktober.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)