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Die Welt bis gestern: Revolte der Katholiken gegen Hitler

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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7. Oktober 1938. Widerstand im Stephansdom – „Christus ist unser Führer“.

Es war ein verhängnisvoller Irrtum, den Wiens Erzbischof Theodor Kardinal Innitzer 1938 begangen hatte. Am 15.März, noch vor der großen Anschluss-Kundgebung auf dem Heldenplatz, hatte er vormittags den neuen Herrn im Lande, Adolf Hitler, im Hotel „Imperial“ aufgesucht, um die Ergebenheit des österreichischen Episkopats zu bekunden (siehe „Zeitgeschichte“ vom 29.März 2008). Hitler hatte freudig überrascht darauf reagiert, doch seine Pläne mit der katholischen Kirche sahen ganz anders aus.

Also blieb Hitler damals bewusst vage: Er habe nichts dagegen einzuwenden, dass die Jugend religiös und seelsorglich betreut werden könne, nur müsse man das noch zum Gegenstand von Besprechungen machen. Derart ermutigt, gingen die österreichischen Bischöfe hoffnungsfroh in die Verhandlungen mit dem NS-Gauleiter Joseph Bürckel. Im Vatikan verfolgte man diese Versuche sehr skeptisch. Es war Kardinal-Staatssekretär Eugenio Pacelli (später Pius XII.), der zuvor als Nuntius in Berlin den Nationalsozialismus etwas realistischer einzuschätzen lernte, als dies die Österreicher konnten.

 

Rom ist entsetzt

Der Kirchengeschichtler Maximilian Liebmann, kenntnisreicher Experte der Ereignisse vor siebzig Jahren, schildert, was dann geschah – bis zur Explosion, die am 7. und 8. Oktober 1938 zur endgültigen Klärung der Fronten führte.

Die „Friedensgespräche“ mit Bürckel, einem eher ungebildeten, aber sehr effizienten Nazi, dauerten bis Mitte August und endeten mit einem förmlichen Vertragsentwurf, der nach Rom geschickt wurde. Pacelli war entsetzt. Am 12. August 1938 lehnte er im Auftrag von Pius XI. den Text kategorisch ab. Dabei wollte Bürckel schon am 19.August eine pompöse Vertragsunterzeichnung inszenieren. Innitzer stoppte weitere Geheimverhandlungen und schrieb loyal nach Rom: „In Vertragsangelegenheiten sind die Würfel gefallen, die uns gelegte Schlinge ist zerrissen.“

Die Drangsalierung der Kirche hatte indes zugenommen. Das Stift St.Lambrecht in der Obersteiermark war bereits im Mai von SS und SA beschlagnahmt, zahlreiche Priester waren unter fadenscheinigem Vorwand verhaftet, christlichsoziale Politiker schon im KZ Dachau verschwunden. Das Öffentlichkeitsrecht war dem katholischen Schulwesen entzogen, die bischöflichen Knabenseminare wurden geschlossen. Der Religionsunterricht wurde den staatlichen Aufsichtsorganen unterstellt.

 

Hitler antwortet nicht

Einmal noch versuchten es die Bischöfe mit einem Protest: „[...] Man beengt und beeinträchtigt durch verschiedene Vorschriften die Feier kirchlicher Feste und Veranstaltungen. [...] So arbeiten manche nationalsozialistischen Kommissäre offenbar auf den Ruin von Klöstern und kirchlichen Anstalten hin; ganze Klöster wurden aufgehoben und deren Vermögen eingezogen. [...] Unser Glaube (an ein loyales Abkommen, Anm.) wurde aber erschüttert, da der Kulturkampf umso bedrückendere und bedrohlichere Formen annahm, je länger wir verhandelten.“

Hitler antwortete nicht einmal. Jetzt fehlte es nur noch am Anlass, um die Funken sprühen zu lassen. Am 7. Oktober war es so weit. Konspirativ hatte die Katholische Jugend die traditionelle Rosenkranzandacht mit dem Kardinal vorbereitet. Zu Fuß und per Rad wurden kleine Handzettel verteilt, die Mundpropaganda funktionierte.

 

7000 Menschen warten auf ein Zeichen

Ein paar hundert Jugendliche hatte der Kardinal erwartet. Als er den Dom betrat, warteten 7000 Menschen auf ihn. So musste er auf die selten benützte Pilgram-Kanzel steigen, damit ihn alle hören konnten. Und was er den jungen Leuten zu sagen hatte, ließ die NS-Machthaber panisch werden: „Es ist ein herzerquickendes und herzerfreuendes Bild, das ihr mir bietet, wenn ich euch Kopf an Kopf so um mich sehe, und habt Dank dafür, dass ihr heute gekommen seid zum Bischof in die alte Kathedrale“, begann Innitzer hochgestimmt den fasziniert lauschenden Jugendlichen seine geschichtsmächtige Predigt und fuhr fort, „um einerseits ein Glaubensbekenntnis abzulegen, ein Bekenntnis zu eurem alten deutschen Väterglauben, und andererseits, dass ihr gekommen seid, um euch Kraft zu holen, um festzustehen und festzubleiben in dieser großen, aber auch schweren und ernsten Zeit.“ Darauf ließ der Kardinal die Jugend Grundsätze der Pastoraldoktrin wissen, die nach dem NS-Desaster durchschlagend werden sollten: „Liebe katholische Jugend! Ihr habt in den letzten Monaten viel verloren, eure Verbände, eure Jugendgemeinschaften, die ihr mit einem so schönen Idealismus aufgebaut hattet, sind nicht mehr da. Eure Fahnen – ihr dürft sie nicht mehr tragen. Ihr habt aber auch etwas gewonnen, was noch mehr wert ist, als was ihr jetzt verloren habt, und was all das überdauern kann und muss, etwas, was wir alle eigentlich selbst gleichsam neu entdeckt haben, das ist unsere Pfarre, das ist die Gemeinschaft.“

Dann sprach der Kardinal den Satz, der der NS-Führerideologie den geistig-theologischen Widerstand verkündete: „Wir wollen gerade jetzt in dieser Zeit umso fester und standhafter unseren Glauben bekennen, uns zu Christus bekennen, unserem Führer und Meister, unserem König, und zu seiner Kirche.“

„Unser Führer“: Deutlicher konnte man die Ablehnung des Personenkults um den „Führer“ Adolf Hitler nicht artikulieren. Tief ergriffen von Innitzers Predigt und seinen selbstkritischen Worten klang die Jugendfeier mit dem Herz-Jesu-Bundeslied aus: „Auf zum Schwure, Volk und Land, heb zum Himmel Herz und Hand...“ Allen, die dabei waren, blieb es nicht nur ein unvergessliches Erlebnis, sie hatten Mut, Vertrauen, Durchhaltewillen und Kraft geschöpft. Stimuliert und emotionalisiert strömte die Jugend aus dem Dom in die Öffentlichkeit.

 

„Bischof befiehl, wir folgen dir!“

Die Domvikare Josef Schoiswohl und Martin Stur wollten mit Ordnern eine Demonstration auf dem freien Platz vor dem Dom unbedingt verhindern. Doch die Menge begann, nach Kardinal Innitzer zu rufen, der über die Sakristei und den Seitenausgang ins Palais zurückkehrte, indem sie in Sprechchören gängige Hitler-Rufe auf den Bischof umformulierte und skandierte: „Wir wollen unseren Bischof sehen!“ oder gar: „Bischof befiehl, wir folgen dir!“ „Es lebe Christus der König“ „Ein Volk, ein Reich, ein Bischof“ und „Lieber Bischof, sei so nett, zeige dich am Fensterbrett“.

In keiner Stadt „Großdeutschlands“ hat je eine vergleichbare Widerstandskundgebung stattgefunden. Der Augenzeuge Wolfgang Müller-Hartburg berichtet: „Erst nach langem Zögern, ganz in Schwarz gekleidet, kam Innitzer an das geöffnete Fenster im ersten Stock an der Ecke der Rotenturmstraße, zog ein weißes Taschentuch, winkte damit ein wenig und gab dann mit beiden Armen deutliche Zeichen, wir sollten jetzt nach Hause gehen.“

Doch die NS-Machthaber hatten verstanden. Es verging nur ein Tag...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)