Immer mehr Menschen machen Urlaub im Kloster. Das Spirituelle interessiert sie nicht unbedingt.
Sich in Askese üben, tageweise. Ein bisschen Kurzzeit-Auszeit hinter Klostermauern nehmen. Oder schlicht eine günstige „Bed & Breakfast“-Möglichkeit suchen. Die Motive mögen verschieden sein, gemeinsam führen sie dazu, dass „Urlaub im Kloster“ derzeit so gefragt ist, dass viele Ordensgemeinschaften in Österreich regelrecht überrannt werden.
Worauf diese durchaus hingearbeitet haben. Die Möglichkeit, sich ein paar Tage im Kloster als Besucher einzumieten, wird längst professionell vermarktet. Der Verein „Klösterreich“ bemüht sich seit bald zehn Jahren darum, Klöster als Urlaubsziel zu bewerben. Im Mittelpunkt der Werbung stehen neben dem Mitleben im Kloster auch „Sinn, Freude und Kultur“, touristische Attraktionen in der Umgebung werden mitbeworben.
Von der Ur-Idee des „Klosters auf Zeit“ – Menschen anzusprechen, die überlegen, in einen Orden einzutreten – ist man vielerorts recht weit weg. Die „Urlauber“ können und sollen zwar am klösterlichen Leben teilnehmen. Wenn sie das aber nicht tun, „ist auch niemand böse“, so Pater Justus Reichl, im Stift Göttweig zuständig für „Tourismus und Kultur“.
Ruhe, Abschalten-Wollen sind für viele nach wie vor die Gründe für einen Klosteraufenthalt. Immer öfter aber (und das ist ein Mitgrund für die ausgebuchten Gästetrakte) sind es auch „normale“ Urlauber, die im Kloster schlicht eine günstige Pension sehen, ohne sich übermäßig für das Ordensleben zu interessieren. „Viele wollen vom Kloster aus kulturelle Unternehmungen machen“, sagt Kurt Schmidl, Generalsekretär des Canisiuswerks, das den „Urlaub im Kloster“-Führer herausgibt. Und die Klöster sind auch dieser Gruppe nicht abgeneigt.
Kloster auf Zeit für Manager
Im Stift Altenburg, sagt Abt Christian Haidinger, seien auch Besucher willkommen, „die im Waldviertel Rad fahren wollen.“ Sofern sie unterkommen: Von Ostern bis Allerheiligen ist man meist ausgebucht. Auch das Canisiuswerk hat sein „Haus der Priesterausbildung“ in Horn (NÖ) zum Gästehaus umfunktioniert und wirbt mit der Kultur, die es rundherum gibt. Kritischer sieht man die nicht spirituell interessierten Gäste in Göttweig. „Wir sehen uns nicht als Feriendomizil für Wachauurlauber“, sagt Pater Reichl. Die Kapazitätsgrenze hat man auch ohne die erreicht: Seit den 90ern hat sich in Göttweig die Urlauberzahl von Jahr zu Jahr verdoppelt, zuletzt kamen 3000. „Mehr können es gar nicht mehr werden. Wir haben nicht genug Zimmer.“
Auch das Stift Heiligenkreuz ist mit 5000 Klosterurlaubern längst am Limit. Seit die Mönche medial dauerpräsent sind (siehe unten),steigt die Nachfrage weiter. Der typische Gast suche die spirituelle Nähe und die Stille. „Wobei: So ruhig ist es bei uns gar nicht, es laufen dauernd Touristen 'rum“, sagt Pater Karl Wallner. Und ja, unter den Gästen sind nach wie vor auch die klischeegeprüften gestressten Manager, „die die Askese in einem Substandardzimmer erleben wollen“. Nicht nur hier. In Altenburg startet demnächst der Kurs „Kloster auf Zeit für Manager“.
Der Tourist, eine Geldquelle für die Orden? Ein bisschen schon. Der Altenburger Gästetrakt hat zwar erst 2007 erstmals schwarze Zahlen geschrieben. „Aber mit Klosterladen und Restaurant lohnt sich das natürlich schon“, so der Abt. Für manche ganz besonders: Die Zisterzienserschwestern in Marienkron (Burgenland), die schon vor 30 Jahren nach der mäßig erfolgreichen Hühnerfarm ein Kneippkurhaus errichteten, „leben heute von dem, was das Kurhaus erwirtschaftet“, so Direktor Anton Kriser. Weil das Angebot (Farblichtsauna, Yoga, Aerobic) ständig erweitert wurde, gibt es heute 84 nichtgeistliche Mitarbeiter. Und „Klosterzellen“, sagt Kriser, „gibt es bei uns nicht“, Marienkron wird als Viersternehaus geführt. Die vielen Zusatzangebote (z. B. Folkloretanzen) würden aber „alle zum Klosterleben dazupassen“.
Immer mehr Orden setzen wie Marienkron auf zusätzliche Veranstaltungen wie Ikonenmalkurse. Bei einigen, wie „Massage für den Hausgebrauch“, ist der geistliche Kontext nicht unbedingt gegeben. „Es ist manchmal eine Gratwanderung“, sagt Schmidl. „Man darf aber nicht zu viele Berührungsängste haben.“ Die dürften so groß nicht sein: Die „Urlaub im Kloster“-Broschüre ist heuer so dick wie noch nie. Schmidl: „Einige Orden wollten gar nicht mehr drinnen stehen, weil sie sowieso ausgelastet sind.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)