Soap & Skin, Solokünstlerin aus Graz, und Pere Ubu, Alt-Modernisten aus Cleveland: Ein gar nicht froher Abend im Klangraum Krems.
„Vor mir liegt nur mehr das Grab. Aber das ist mir egal! Ich bin frei!! Ein Dead Man Walking!!!“ Man ist von David Thomas, dem Hauptdarsteller der amerikanischen Industriezonen-Band Pere Ubu, öffentliche Bekenntnisse gewohnt, aber dieser bittere Aufschrei ging einem doch nahe. Noch dazu, wo dieser inzwischen 55-jährige Mann seinen Verschleiß, seine Ver- und Zerstörung diesmal so echt darstellte, dass man spürte: Das ist kein Theater mehr. Thomas, der sehr virtuos den Betrunkenen geben kann, hatte sich diesmal wirklich betrunken, und das nicht aus Lebensfreude.
Graubärtig, im schäbig-braunen Regenmantel, einen schlappen Hut auf dem Kopf, rauchend und trinkend, fluchend und taumelnd, führte er vor, dass Punk, richtig verstanden, eine Domäne des Alters ist. Kein Irokese sieht so kaputt aus wie eine von schmutzig grauem Haar umrandete Glatze, keine Sicherheitsnadel tut so weh wie die Gicht – und Nihilismus passt besser zu einer End-of-life-Crisis als zu postpubertärem Trotz. Keiner unter 40 könne ihn verstehen, Frauen sowieso nicht, heulte Thomas, entschuldigte sich wieder und wieder für seinen Zustand – und raunte doch noch einmal (im in jedem Zustand magischen Song „Dark“) das Radio an, raste einmal noch durch den „Modern Dance“, getrieben von einer finster und entschlossen gegen den Zerfall ankämpfenden Band, angestachelt durch die kalt durch die Szenerie kreischenden antiken Synthesizer des Robert Wheeler, der auch schon kein Junger mehr ist.
Begonnen hatte Thomas antithetisch mit dem irrwitzigen „Folly of Youth“. Die steirische Musikerin Anja Plaschg vulgo „Soap and Skin“, vor ihm auf der Bühne, wäre im besten Alter, alle Narreteien der Jugend zu leben – und sie ist genauso im besten Alter, diese in edler Trauer zu verweigern: Sie ist 18, und es ist nur der Vergreisung der intellektuellen Popszene zuzuschreiben, dass sie als eine Art frühreifes Wunderkind gehandelt wird. Wann sonst bitte soll man genialisch sein, wenn nicht mit 18? Und wann traurig? Schön tieftraurig? (Für Verzweiflung ist, siehe oben, später noch Zeit.) Plaschg ist genialisch und tieftraurig und scheu dazu, sie kokettiert fast gar nicht damit, und man nimmt es ihr sogar ab, wenn sie mit ziemlich viel Hall auf der Stimme über das „End of Time“, ein kommendes „Kingdom“ oder die düstere Sonne singt, den Beschönigungsversuchen des (von ihr selbst gespielten) klassizistischen Klaviers trotzend. Während das Ungemach aus allen Schaltkreisen dräut, sie hat es gut programmiert.
Wenn Plaschg auf eine üble Kindheit – unter Larven die einzige fühlende Brust! – zurückblickt und beim Refrain, hörbar Tränen im Hals, nach Hilfe ruft, rührt sie auch verhärtete Herzen. Nur dass ihre Version eines Songs („Janitor of Lunacy“) der 1988 bei einem Fahrradunfall gestorbenen, vorbildlich tragischen Sängerin Nico tatsächlich mit Geräuschen eines Fahrrads beginnt und endet, ist doch ein bisschen allzu bewusst auf Todesnähe inszeniert. Da verweigert unsereins die Andacht. Alterstrotzig.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2008)