Im Abgang zeigt Bundeskanzler Alfred Gusenbauer noch einmal, was er kann. Besser gesagt: Was er gekonnt hätte.
Die Kollegen, die am gestrigen Sonntag in der Redaktion Dienst versahen, waren überrascht: So locker wie in dieser „Pressestunde“ hätten sie Alfred Gusenbauer noch nie erlebt. Und so war es auch: Der Kanzler war gelassen, schlagfertig, humorvoll, ein wenig über den Dingen stehend, aber doch präzise in der Analyse. Der Vergleich mit dem meist etwas banaler argumentierenden Werner Faymann macht sicher. Nun ist es wohl so, dass Abtretende – nicht nur in Österreich – in milderem Licht gesehen werden. Aber ebenso unbestreitbar ist: Alfred Gusenbauer, der mit seinem Anspruch, Sozialismus und Liberalismus zu fusionieren und damit quasi das Beste aus beiden Welten zu vereinen, als Regierungschef gescheitert ist, kennt sich aus. Was angesichts der aktuellen Weltwirtschaftslage nicht ganz unerheblich ist.
Wie sehr die heimischen Banken von der rezenten Krise betroffen sein werden, lässt sich derzeit seriös kaum beurteilen. Dass Gusenbauer nun beruhigt, die Sparbücher seien sicher, ist auch politische Psychologie. Ein Regierungschef ist nicht für Panikmache da.
Als Krisenkanzler muss/darf sich Gusenbauer nicht mehr bewähren. Auch ein Kanzler der Herzen wird er wohl nicht mehr. Wobei er von seinen Anlagen her ein geachteter Kanzler hätte werden können. Aber die Fehlkonstruktion der Großen Koalition und sein Unvermögen, die eigene Partei zusammenzuhalten, ließen es nicht zu. Meistens kommt jedoch nichts Besseres nach. (Bericht: S. 4)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2008)