Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Steirischer Herbst: Sechs Stunden im Irrenhaus

(c) signa
  • Drucken

Die Theatergruppe "Signa" inszeniert in Graz täuschend echte Zwischenwelten. Ein Bericht von der sechsstündigen Nonstop-Performance "Die Komplex Nord Methode".

Ich war Dee Haidara, das konnte ich jedenfalls, etwas mühsam verkehrt herum, auf dem Namensschild entziffern, das am klammen weißen Stoff meines Spitalskittels steckte. Hintenherum zu knöpfen. Das hat Schwester Weller, die mich betreute, milde lächelnd bereits getan. Kurz nachdem sie mit meinen in drei dünnen weißen Plastikbeuteln verstauten Habseligkeiten verschwunden war – Jacke, Hose, Unterwäsche, Handy, Schuhe, alles weg.

Aber keine Panik, das alles ist nur Spiel, ist eine berüchtigt manipulative Theater-Installation-Performance des dänisch-österreichischen Duos Signa Sørensen und Arthur Köstler, das heuer mit einer ähnlich suggestiven Produktion beim Berliner Theatertreffen war. Mindestens sechs Stunden soll man sich ihnen ausliefern, vorzeitiges Verlassen des Einflusskreises wird ungern gesehen, Zuspätkommen auch – auf die Minute pünktlich schließt die versteckte Hinterhofaufnahme in diese Zwischenwelt, stilgerecht schäbig eingerichtet in einem Trakt des alten Joanneum-Gebäudes. Nach 15 Minuten Wartezeit im Regen vor verschlossener Tür bin ich froh, da reinzukommen, wo sonst jeder nur rauswill. In die Psychiatrie, in die Anstalt „Komplex Nord“.

„Ich heiße Dee Haidara“, sage ich also in unsere Runde angeblicher Amnesiepatienten und grinse. Wirkt das schon debil? Verschwörerisch? Nur unsicher? Wer ist hier Schauspieler, wer Gast? – die Welten verschwimmen schon. „Louder, please“, rügt Oberärztin Chaikin. Die Ärzte sprechen hier englisch, die Schwestern deutsch, Köchin und Putzfrau spanisch. Ein bekanntes, hier fast beruhigendes soziales Gefälle. „Dee Haidara!“ Okay, kapiert, andere Regeln. Mitmachen oder gleich gehen, denke ich. Mitmachen, entscheide ich.

 

„Im Frühtau zu Berge wir zieh'n, wallara!“

Aber nicht bedingungslos. Die Ersten sind gleich zu Beginn ausgestiegen, bei der ersten „musikalischen Intervention“, dem Absingen bekannter Wanderlieder, die unserem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollten. Ach ja, Marschlieder waren das einmal, aus dem Ersten, dem Zweiten Weltkrieg, das Misstrauen regt sich. Doch so leicht wird einem hier eine Deutung, die eine empörte Verweigerung rechtfertigen würde, nicht gemacht.

In den nächsten Stunden habe ich noch viele Entscheidungen getroffen, eine Gruppentherapie mit Urschrei verweigert, unerlaubt beim Schlürfen der Suppe gesprochen und mir dann doch noch eine zusätzliche fiktive Persönlichkeit gezimmert, zum Schutz, nachdem mir die Fragen in der Einzelsitzung und der „Projektionstherapie“ zu persönlich wurden. Nach sechs Stunden konnte ich – angeblich mit Therapieerfolg – gehen, ich musste aber nicht. Ich hätte auch die ganzen zehn Tage bleiben können, die „Signa“ in Graz gastiert, mich bevormunden, therapieren und zum Klo bringen lassen. Angeblich tun das in der Regel auch viele, ich wählte nicht einmal die Notrufnummer, die mir mitgegeben wurde, falls „Dee“ sich verloren fühlt.

Trotzdem. Es war eine völlig neue Erfahrung, ob nun Echtzeittheater, Performance-Installation, begehbarer Film oder was auch immer. Dabei wurde man im Endeffekt subtiler auf sich selbst gestoßen, als es in der Beschreibung klingen mag. Denn Zeit für sein wahres Ich scheint man erst einmal gar nicht zu bekommen, im Fernseher dudelt permanent der „Social Education Channel“, man ist im Behandlungs-, Sozialisierungs- und Recherchestress. Denn irgendwann erwischt man doch den Faden der Geschichte, an deren Aufklärung man sich klammern kann: Irgendwo, irgendwann in den 50er-Jahren wird ein nicht näher definierter, vom Militär gestützter Monsterstaat, der fast die ganze Welt umfasst, von der Ärztefraktion unterminiert – mit Umerziehungslagern wie dem Komplex-Nord. Woran man sich hier als angeblicher Amnesiepatient also erinnern soll, etwa dass man sich fürs Paar-Bildungslager angemeldet hat, dass Menschen fleißig dem Staat dienen oder dass Rauchen ein gesundes Lungentraining ist, ist wahrscheinlich nie gewesen, ist eine Illusion in der Illusion – hat jemand je etwas anderes behauptet?

Mit derlei Überlegungen kann man sich perfekt von dem ablenken, was in den dünnen weißen Plastiksäcken, in denen der Alltag verstaut wurde, keinen Platz mehr hatte, dem doch irgendwie nackigen Selbst.

Erst viel später, wenn man längst schon in der List-Halle sitzt, bei Michel Schweizers ganz anderem Theater-Reality-Hybrid „Bleib“ wieder Publikum mimt und sich über die hier so wenig authentisch wirkende Existenzialistenmischung aus lässigem französischem Philosophiediskurs und deutscher Schäferhunddressur-Vorführung wundert, merkt man, wie viel man im „Komplex Nord“ doch erfahren hat: über seine sozialen und ideologischen Schmerzgrenzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2008)