Russische Lehren, westliche Probleme

Vielleicht sind die Russen diejenigen Komponisten, deren Musik am sorglosesten entstellt wird.

Wer wird nicht die Nase rümpfen, wenn es heißt, Tschaikowskys b-Moll-Konzert, Rachmaninows Zweites stünden auf dem Konzertprogramm? „Salonmusik“, lautet die höflichste Umschreibung des traditionelle Geschmacksurteils. Es muss schon ein Tenor zu Protokoll geben, der langsame Satz des Rachmaninow-Konzertschlagers sei für ihn in einer Phase der schwersten Krankheit geradezu lebensrettend gewesen, dass einem Einspruch stattgegeben wird.

Interessant, dass selbst bedeutende Dirigenten Partituren wie jene der drei letzten Tschaikowsky-Symphonien nicht von aller Patina zu säubern wissen, die interpretatorische Verkitschungsmechanismen an ihnen hinterlassen haben. Auf dem Weg zum Filmmusikstudio hat gerade die Musik russischer Meister ordinäre Verdrehungen hinzunehmen gehabt, haltbar bis in unsere sonst so „originalklangsüchtigen“ Tage.

Längst sind Aufnahmen erschienen, die selbst Wagners „Tristan“-Vorspiel – in vorgeblicher historischer Wahrhaftigkeit – vibratolos zum Klingen bringen. Doch vor dem Seitenthema im ersten Satz einer Tschaikowsky-Symphonie nimmt auch der ernsthafteste Maestro das Tempo radikal zurück, mag auch jeder kleinste Verweis auf solch sentimentale Drücker in der Partitur fehlen.


Auch wenn etliche russische Interpreten an solch effektheischenden Verfälschungen ihren Anteil haben; vielleicht wäre es ratsam, westlichen Interpreten eine Hörkur zu verschreiben, um zu studieren, wie klar, unverzärtelt und geradezu klassisch-herb zugeschnitten ein Meister vom Schlage Serge Rachmaninows, der einer der bedeutendsten Pianisten des 20.Jahrhunderts war, seine eigene Musik interpretierte – und übrigens auch ein Werk wie Robert Schumanns „Carnaval“. Der – auch und gerade im Westen – von falschen Assoziationen überlagerte Romantik-Begriff als solcher ließe sich auf diese Weise im Angesicht eines Exponenten der echten romantischen Klavierschule kritisch hinterfragen!


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2008)

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