Prölls Dilemma

Die Große Koalition ist Qual, eine Zusammenarbeit mit den Rechten keine Alternative. Aber für die Opposition ist Pröll nicht geschaffen.

Diese Fotos gibt es massenhaft: Josef Pröll mit Werner Faymann, ein Herz und eine Seele. Das montägige Treffen mit Heinz-Christian Strache wurde hingegen kurzfristig an einen anderen Ort verlegt. Es sollte sich buchstäblich niemand ein Bild machen von den beiden. Der neue ÖVP-Chef weiß: Es gibt Fotos, die im kollektiven Gedächtnis hängen bleiben, medial immer wieder hervorgekramt werden. Zum Beispiel Wolfgang Schüssel, wie er in den blauen Porsche des triumphierend lächelnden Jörg Haider steigt. Oder Alfred Gusenbauer beim berühmten Spargelessen mit Jörg Haider. Solche Bilder haben immer nur den Blauen genutzt, den elder statesmen aber schwer geschadet.

Pröll sucht daher bewusst nur eine begrenzte Öffentlichkeit: Jeder soll wissen, dass er sich nicht auf die Große Koalition festgelegt hat, aber schwarz-blaue Fraternisierung vor laufender Kamera steht auch nicht am Programm. Immerhin sah der Umweltminister vor zwei Jahren seinen nunmehrigen Gesprächspartner Strache noch im „Hooligan-Sektor“.

Am Ende des Tages wird voraussichtlich Rot-Schwarz herauskommen. Pröll ist weder der geborene Oppositionschef noch der Gambler, der mit einer vollkommen geschwächten Partei auf die schwarz-blau-orange Karte setzt. Aber er will auch nicht den billigen Jakob in den Verhandlungen mit der SPÖ geben. Allein deren EU-Linie ist mit der ÖVP völlig inkompatibel (wie übrigens auch jene der FPÖ). Abgesehen davon will die schwarze Parteibasis nicht mehr mit den Roten. Pröll ist im Dilemma und braucht vor allem eines: Zeit. (Bericht: S. 6)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)

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