Kritik Musikverein: Vom notwendigen Gotteslob

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Georges Prêtre und Mariss Jansons dirigierten Haydn-Messen.

Das Haydn-Jahr wirft seine Schatten voraus. Allerdings wird man 2009 schwerlich Gelegenheit zu jenem faszinierenden Marathon finden, der sich am Sonntag im Goldenen Saal ereignete. Vormittags die „Paukenmesse“ mit der Wiener Hofmusikkapelle unter Georges Prêtre, abends die „Harmoniemesse“ mit den Kräften des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons: die erste und die letzte der sechs großen Ordinariums-Vertonungen, die Joseph Haydn am Ende seines reichen schöpferischen Lebens für die Namenstags-feiern der Fürstin Esterhazy schrieb – Bilanz einer ehrfürchtigen, doch stets auch zeitbezogenen künstlerischen Reflexion des Wunders der Schöpfung.

Da bittet der Mensch in Zeiten der Bedrängnis durch die napoleonischen Kriege zwar angsterfüllt um göttlichen Beistand – doch ist das Vertrauen in das „Und sah, dass es gut war“ aller Aufklärung zum Trotz noch keineswegs erschüttert. Anders als Beethoven, der Haydns drohend-martialische Pauken- und Trompeteneinsätze in seiner „Missa solemnis“ ein Vierteljahrhundert später noch einmal nachklingen lässt, wirken Haydns Kadenzen zum „Dona nobis pacem“ letztlich doch noch frei von Skeptizismus.

Die Furcht erregende Grenze

Die Grenze zur neuen, vielleicht freien, doch unwägbar gefährlich werdenden Zeit ist freilich nah. Das fühlt der Hörer, wenn Georges Prêtre die Dramatik herausarbeitet, die von harmonischen und formalen Abenteuern entfacht wird, mit denen Haydn Lobpreisungen und Glaubensbekenntnisse unterminiert. Es ist bezeichnend, dass der französische Heißsporn unter den bedeutenden Dirigenten unserer Zeit die „Paukenmesse“ für seinen Wiener Auftritt gewählt hat, der sanftere Mariss Jansons jedoch die spätere, reicher instrumentierte, doch inhaltlich friedvollere „Harmoniemesse“, jenes Werk, mit dem sich Haydn nach den großen Oratorien endgültig von seinem Publikum – und dem lieben Gott als Adressaten – verabschiedet hat.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wählte denn für die G-Dur-Symphonie (Hob. I/88) bereits die glatter polierte, die verbindlichere musikalische Gangart, edel timbriert, fein klingend in allen Registern, bezaubernd und mit dem nötigen Witz schnurrend im Symphonie-Finale – oder auch im erstaunlich spritzigen „Benedictus“ der Messe.

Hingegen trieb Prêtre die Wiener philharmonischen Musikanten der „Hofkapelle“ zu höchster Expression – schon im Prachtklang des einleitenden „Te Deums“ tönte nichts gewerbsmäßig jubilierend, sondern alles dringlich; notwendiges Gotteslob, sozusagen. Unter den Solisten brillant vor allem die Soprane, vormittags Laura Aikin – auch mit Mozarts „Exsultate“, Malin Hartelius des Abends.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)

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