Intendantin Isabella Suppanz bringt Stars der Avantgarde wie René Pollesch ans Landestheater Niederösterreich. Das Risiko zahlte sich bisher aus.
Isabella Suppanz beginnt soeben ihre vierte Saison im Landestheater Niederösterreich in Sankt Pölten. Die Intendantin ist mit der Entwicklung durchaus zufrieden: „Das Haus war bereits totgesagt, nachdem man vor meiner Zeit die Operette weggekürzt hat. Inzwischen aber haben wir sogar erweitern müssen, um 35 auf 365 Plätze. Die Auslastung liegt weiter bei 91 Prozent.“ Der Eigendeckungsgrad ist allerdings wegen der begrenzten Sitzplatzkapazität niedrig. 2,85 Millionen € kommen vom Land Niederösterreich, 540.000 € vom Theaterhalterverband.
Suppanz war zuvor am Burgtheater und in der Josefstadt tätig. Wie empfindet sie die Arbeit an einem kleineren Haus? „Fürs Theater ist die Intimität ein Vorteil. Wir haben ungefähr die halbe Größe der Josefstadt. Die Zuschauer sind bei uns nahe dran, man erkennt Gesichter, die Schauspieler müssen nicht brüllen.“
Inzwischen machen Inszenierungen von internationalen Größen wie Peter Brook in St. Pölten Station. Aber wie war das zu Beginn? Gab es Widerstand? Suppanz: „Es gab eine Liste mit 7000 Unterschriften, in der die Operette zurückverlangt wurde. Aber nur 100 Leute haben ihr Abonnement abbestellt. Die habe ich bald wieder reingeholt.“ Es findet auch ein Austausch des Publikums statt. Ihre Gäste kennt sie genau. „Ich sitze immer drin und schaue zu. Das Einzugsgebiet liegt zum größten Teil in beziehungsweise um St. Pölten und an der Westbahn. Abonnenten kommen sowohl aus ganz Niederösterreich als auch aus Wien.“
„Der Bockerer“ kehrt zurück
Das Ensemble besteht aus jeweils sechs Damen und Herren. Die sind ständig im Einsatz. „Mit Gästen besetze ich nur die Rollen, die ich nicht im Haus habe. Ich habe keinen, der wie Erwin Steinhauer den Bockerer spielt. Die Aufführung war ein Renner und auch, glaube ich, wichtig für Erwin.“ Die Wiederaufnahme des Erfolgsstückes gibt es im Jänner 2009. Gab es auch Niederlagen? „Ein bisschen traurig bin ich, dass der Output beim Autoren-Wettbewerb gering ist. Wir finden zwar immer wieder ein passendes Stück, aber ich erwarte mir mehr.“
In dieser Saison kommt erstmals Shakespeare (Was ihr wollt zur Eröffnung am 11. Oktober), Schnitzlers Anatol und eine Dramatisierung von Franz Nabel. „Ich komme aus der Steiermark. Die Ortliebschen Frauen stand bei uns im Bücherschrank, dieser Roman hat mich nicht losgelassen. Ich fand es das österreichischste aller Bücher. Der gelernte Österreicher wird unheimlich gut beschrieben – die Angst vor dem Draußen, die Enge. Es geht um Familie und Liebe. Die Romanfiguren begehen Verbrechen aneinander und glauben, dass sie nichts Böses tun.“
Suppanz liebt die Bücher. Siri Hustvedt ist ihr absoluter Favorit, Paul Auster, Jonathan Franzen und John Irving zählen zu ihrer Lieblingslektüre. Ihren Führungsstil schätzt sie als teamorientiert ein: „Ich bin dankbar für jeden Hinweis aus meiner großartigen jungen Gruppe. Ein Schauspieler weiß am besten über seine Rolle Bescheid, man muss das Ohr dafür haben, ihm zuzuhören. Aber beim Inszenieren bin ich auch stur.“
Als Huhn in einem Kinderstück
Was sind die riskanten Sachen der kommenden Saison? „Ich bin eine Zockerin, aber ich muss mich nicht trauen. Aus dem Alter bin ich raus. Riskant wird es sowieso immer. Ein Text von René Pollesch zum Beispiel ist erst im Entstehen.“
In der Theaterlandschaft liebt sie auch Peripheres: „Mir gefällt der Spielplan Brigitte Fassbaenders in Innsbruck und Anna Badoras in Graz. Leider sind wir nicht kompatibel in der Bühnengröße, sonst könnte man mehr austauschen.“ Suppanz will mehr junge Leute ins Haus bringen. „Für die Kinder tun wir bereits einiges, auch mit den Schulen, mit Patenklassen.“ Und was macht die eigene Spielleidenschaft? „Eigentlich will ich nicht auf der Bühne stehen, aber zuweilen geht es gar nicht anders. Mein Einstieg in St. Pölten war eine Rolle als Huhn in einem Kinderstück. Es fiel jemand aus, ich war die einzige, die ins Kostüm gepasst hat.“ Was hat sie zum Theater hingezogen? „Ich wäre gerne Schriftstellerin geworden, aber das kann ich nicht so gut. Theater hingegen ist eine lustige Mischkulanz aller Künste.“
DAS PROGRAMM
■In St. Pölten beginnt die Saison mit „Was ihr wollt“ (mit Roland Düringer) am 11.10., 19.30 Uhr. Am 18.10. gibt es die Komödie „Sein oder Nichtsein“, am 6.12. „Anatol“ (mit Gerti Drassl, Nicole Beutler), am 12.3. 2009 die Uraufführung der Dramatisierung von Nabls Roman „Die Ortliebschen Frauen“ (Regie: I. Suppanz). www.landestheater.net
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)