Jan Oosterveld: „Das ist nicht das Ende des Kapitalismus“

(c) Reuters (Shannon Stapleton)
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Wir müssen künftig mit extremen Schwankungen der Weltwirtschaft leben, sagt Jan Oosterveld, der an der IESE Business School in Barcelona lehrt und Morgan Stanley berät.

Die Presse: Sie sind unter anderem Berater der US-Großbank Morgan Stanley. Wann hat die Sie zum letzten Mal um Rat gefragt?

Jan Oosterveld: Heute (Montag, Anm.) morgen.


Was will Morgan Stanley von Ihnen üblicherweise wissen?

Oosterveld: Wie man neue Kunden findet, wie man sie betreut. Wir haben täglich Kontakt – in den letzten Tagen noch mehr. Das ganze Investmentbanking ist ein wenig in Unruhe geraten.

Kein Wunder. Die Zahl der weltgrößten Investmentbanken ist binnen Kürze auf zwei geschrumpft.

Oosterveld: Es gibt weniger Anbieter, aber sehr viel Arbeit. All diese Banken und Unternehmen, denen es schlecht geht, müssen etwas unternehmen. Täglich wird irgendwo verkauft oder gekauft, die Zahl der Deals steigt sogar.

Was kann man einer Investmentbank jetzt noch raten?

Oosterveld: Nun, es gibt jetzt zwar viel Arbeit in Notsituationen, aber das normale Investmentbanking zieht sich weiter. Wenn Sie Geld haben, werden Sie heutzutage vorsichtiger dabei sein, es auszugeben, als vor einem Jahr.

Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat im „Spiegel“ gesagt, der „Turbokapitalismus“ sei in den letzten zwei Wochen „mit einem lauten Knall“ gestorben. Haben Sie es auch knallen gehört?

Oosterveld: Ich denke nicht, dass das Turbokapitalismus war. Und ich denke auch nicht, dass da etwas gestorben ist. Natürlich gab es eine lange Zeit fast unbegrenzter Liquidität zu sehr niedrigen Zinssätzen. Da haben viele Aktivitäten stattgefunden, die nicht mehr rentabel sind, sobald die Zinsen wieder steigen. Dieses System kommt jetzt in eine Phase der Verzögerung. Aber deshalb ist das System selbst nicht am Ende. Der tägliche weltweite Geldverkehr beträgt heute wohl nicht mehr eine Trilliarde Dollar. Aber auch nicht null.

In einer Krise sind wir aber. Banken werden verstaatlicht, der US-Finanzminister fällt vor Kongressabgeordneten flehend auf die Knie. Wieso ist der Kapitalismus so stark in der öffentlichen Kritik?

Oosterveld: Banken stehen immer unter Kritik: Wenn sie viel Gewinn machen ebenso, wie wenn sie Verluste schreiben. Der wichtigste Grund für die Krise ist der Umstand, dass die Amerikaner zu viel Schulden machen und zu wenig sparen. Das hat das System zum Wackeln gebracht. Es wird sicher eine Konsolidierung im Bankenwesen geben. Aber das ist nicht das Ende des Kapitalismus. Meine Theorie ist, dass die Schwankungen stärker und schneller werden, je größer die Weltwirtschaft wird. Damit müssen wir leben.


Das ist das beste Argument für all die Populisten, die die Grenzen schließen und die Finanzwirtschaft mit starker Hand regulieren wollen.

Oosterveld: Populisten gibt es immer. Die sind aber nicht die Mehrheit. Die Globalisierung wird weitergehen. Ich finde den Vorschlag von Frankreichs Präsident Sarkozy sehr interessant, nämlich zu schauen, ob unsere bilanziellen Bewertungsregeln angemessen sind. Die aktuellen Probleme sind ja zum Teil deshalb entstanden, weil Aktiva der Banken unter Druck gerieten und sie diese abwerten mussten. Das war vor zehn Jahren noch nicht so. Aber wenn ich die genauen Antworten auf all diese Fragen wüsste, könnten wir eine Flasche Champagner köpfen.

Hat die Finanzwirtschaft in den letzten 20 Jahren Risikobereitschaft zu stark belohnt? Sprich: Arbeiten in all den unregulierten „Schattenbanken“, Hedgefonds und Private-Equity-Firmen Menschen, die unvernünftig hohe Risiken eingehen?

Oosterveld: Sie sagen, die sind unreguliert. Ich bin da nicht so sicher.

Hedgefonds und Investmentbanken sind natürlich viel weniger reguliert als normale Banken.

Oosterveld: Ist das so? Die Frage ist eher, ob die Regulierung funktioniert hat. Ich denke nicht. Dazu gibt es Bankmanager, die zu viele Risken eingegangen sind. Ein niederländischer Bankier hat mir gesagt: „Meine Politik ist einfach: Wenn ich ein Finanzprodukt nicht in zehn Minuten verstehe, lasse ich die Finger davon.“ Zudem hat die Welt die Tendenz, in der Hochkonjunktur Risken zu nehmen, die bei einer Abkühlung schlagend werden. Denken Sie an das Platzen der Internetblase 2001: Bis Februar waren wir bei Philips ausgebucht – und im März mussten wir die ersten Fabriken zusperren.

Eine pessimistische Weltsicht.

Oosterveld: Im Gegenteil: Ich bin ein großer Optimist. Denken Sie daran, dass das Wachstum der Weltwirtschaft in den letzten fünf Jahren so groß war wie nie zuvor. Der Wohlstand der Weltbürger ist so stark gestiegen wie nie zuvor. Die technologische Entwicklung ist spektakulär, was in China passiert, fantastisch, die Welt bewegt sich also in eine gute Richtung.

Sie lehren an einer der weltbesten Business Schools. Einige Ihrer früheren MBA-Studenten machen dieser Tage wohl die erste persönliche Erfahrung des Scheiterns. Kann man das lernen?

Oosterveld: Ich denke nicht. Ich versuche in meinen Vorlesungen, auf Dinge aufmerksam zu machen, die schiefgehen. Aber die Studenten sind nicht daran interessiert. Die wollen wissen, was gut geht. Wenn Sie „Business Week“ oder „Fortune“ lesen, finden Sie nur Erfolgsgeschichten. Dabei werden im Business die meisten Dinge kein Erfolg. Wir hatten bei Philips eine Filmfirma in Hollywood: Neun von zehn Filmen sind kommerzielle Flops. Da legt man sein Geld besser in Pferdewetten an.

Zur Person

Jan Oosterveld (64) ist Professor an der IESE Business School in Barcelona, einer der renommiertesten Business Schools der Welt. Der Niederländer war früher leitender Manager beim Elektronikkonzern Philips.

Heute berät er die Großbank Morgan Stanley und sitzt im Aufsichtsrat des deutschen Autozulieferers Continental. Er war kürzlich auf Einladung der Bank Gutmann in Wien. [Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)


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