Der Wiener Schriftsteller Michael Stavaric über die Manipulation der Geschichte, tschechische Fabulierlust und die erstaunliche Einsicht, dass alles fließt.
Die Presse: In Ihrem neuen Roman „Magma“ gibt es einen interessanten Erzähler, der durch Jahrhunderte voller Katastrophen geistert. Er könnte der Liebe Gott oder ein Teufel sein. Wie würden Sie diese Figur beschreiben?
Michael Stavaric: Er musste sehr vage bleiben, zwischen Mephisto und allmächtiger Erzählfigur, die Gutes will und den Fortschritt vorantreibt. Ich erfülle mir eine Art Jugendtraum – eine Figur, mit der man Fragwürdigkeit, Skepsis und zugleich eine unfassbare Größe verbindet. Ich sehe ihn auch als einen guten Märchenonkel in einer Nebenrolle, der nicht Verantwortung für die Handlung übernimmt. Man soll sich bei der Lektüre fragen, wie Geschichte manipuliert wird. Es ist ein Diskurs über unsere Zeit.
Der Erzähler hat eine Schwäche; er fürchtet das Wasser und isst nur Tintenfisch. Er liebt zudem Tiere – seltsame Eigenschaften.
Stavaric: Er ist keine normale Figur, spricht mit einem Hamster. Der ist wohl ein Korrektiv. In der Geschichte geht es um Unglück, um Katastrophen. Die passieren immer, wenn der Erzähler mit Wasser in Berührung kommt. Er versucht, sie im Rahmen zu halten, aber ohne Katastrophe kein Fortschritt. Die Figur ist aus dem historischen Verständnis der Menschheit zu betrachten.
Wie sieht Ihr Geschichtsbild aus?
Stavaric: Im Kino und in der Literatur gibt es eine Tendenz zum Neohistorismus. Man kann viel leichter durch die Beschäftigung mit der Geschichte Orientierungsmuster für die Gegenwart erhalten. Nicht, dass dies eine Intention meines Buches war, aber ich sah schon einen gewissen Spielraum, sich mit Historischem auseinanderzusetzen. So habe ich das noch nie gemacht. Das Fragmentarische des Textes spiegelt auch mein Geschichtsverständnis. Ich sehe keinen roten Faden, der sich durch die Zeiten durchexerzieren ließe. Den kann man nur als Schriftsteller konstruieren. Ich arbeite mit Collage und Montage, weil ich die Geschichte nicht als konsequente logische Erzählung sehe. Die Schicksale kommen und gehen. Ich misstraue der Faktizität.
„Magma“ ist durchtränkt von Zitaten aus dem Alten Testament. Sind Sie bibelfest?
Stavaric: Nachdem ich auch die Figur des Mephisto vor Augen hatte, habe ich mit biblischen Motiven gespielt. Als ich mit sieben Jahren nach Österreich kam, war ich nicht getauft und bin aus dem Nichts in eine katholische Umwelt gefallen. Der Pfarrer im Religionsunterricht in Laa an der Thaya hat mich der Klasse verwiesen. Er hat mich als antichristlich abgelehnt, das war ein Stigma. Ich schätze das Alte Testament; und die Offenbarung, das Apokalyptische. Die Bibel ist ein spannendes Buch, man kann es radikal oder ausgleichend auffassen, kann finden, was man finden will.
Böhmen, Mähren und Wien liegen nicht am Meer. In Ihrem Buch spielt die See aber eine große Rolle. Woher kommt diese Sehnsucht?
Stavaric: Ich bin viel gereist. Aber da gibt es keine persönliche Erklärung. Für Schiffsgeschichten habe ich mich entschieden, weil ich die Metapher des Flüssigen, des sich Vermischenden verstärken wollte. Strömungen, Wellen und Wind sind unfassbar.
Ihr Buch wirkt sehr belesen. Arbeiten Sie mit Zettelkästen wie Jean Paul?
Stavaric: Es sind sehr viele Lexika zum Einsatz gekommen. Gegoogelt habe ich wenig. Aber nicht alles, was in „Magma“ steht, stimmt nicht. Wenn Historisches zur Fiktion wird, finde ich das reizvoll. Ich habe einige „Grubenhunde“ eingebaut.
Handelt es sich überhaupt um einen Roman, wie auf der Titelseite behauptet wird?
Stavaric: Ich schreibe keine Romane. Für mich ist ein Roman eine Generationen- oder Familiengeschichte, wie er in der großen angloamerikanischen oder auch der slawischen Literatur üblich ist. Diese Lust verspüre ich noch nicht, es widerspricht meiner inneren Überzeugung als Autor. Ein Schriftsteller ist ein Beobachter, ich sehe kein „Krieg und Frieden“ in meiner Nähe, fühle mich noch immer am Anfang meines Schaffens. Mich reizen Sprachsysteme. Und ich mag das tschechische Fabulieren wie das von Bohumil Hrabal.
Hatten Sie eine Oma, die Märchen erzählte?
Stavaric: Natürlich! Ich habe selber auch viele Märchen gelesen und ein ausgeprägtes Interesse für diese Welten, auch im Kino. „Der Herr der Ringe“ finde ich spannend.
Sie lieben auch Abenteuergeschichten? Welche Einflüsse gibt es? Und wie schreiben Sie?
Stavaric: In den Texten von Joseph Conrad, Jules Verne, Jack London und sogar Karl May sind Elemente, die mich interessieren, und die ich irgendwie in meinen Büchern adaptiert habe. Ich schreibe viel mit der Hand in mein schlaues Buch, das tippe ich dann ab. Ich arbeite immer an mehreren Projekten gleichzeitig, liebe die Abwechslung. Gerade arbeite ich an meinem dritten Kinderbuch, und bei Beck erscheint im Frühjahr ein Buch, das geradezu konträr zu „Magma“ ist, mit dem Arbeitstitel „Geister“. Da geht es tatsächlich apokalyptisch zu. Die beiden Werke haben sprachlich nichts miteinander zu tun, obwohl ich sie zur gleichen Zeit ausgearbeitet habe.
Sie haben an der tschechischen Botschaft gearbeitet, sich dann aber ganz für den Beruf des Schriftstellers entschieden? Können Sie sich jetzt denn noch etwas anderes vorstellen?
Stavaric: Im Moment stellt sich mir diese Frage nicht. Ich habe ohnehin viel zu lange mit dieser Entscheidung gebraucht. Ich habe andere Jobgelegenheiten ausgeschlagen. Vor einem Jahr stand mein Entschluss fest. Das will ich jetzt tun und davon leben. Man wird sehen. Alternativen dazu? Journalismus vielleicht. Aber lieber würde ich in einer Konservenfabrik arbeiten, als Texte in der PR-Branche zu verfassen.
LITERATURSALON
■Michael Stavaricliest heute, Mittwoch, um 19 Uhr in der Österreichischen Nationalbibliothek im Camineum (Josefsplatz 1) aus seinem neuen Buch „Magma“ (Residenz Verlag). Einleitung von Norbert Mayer.
■Der Autor wurde 1972 in Brünn/Brno geboren, seine Familie emigrierte 1979 nach Österreich. Stavaric studierte in Wien Bohemistik und Publizistik. Jüngste Werke: „stillborn“ (2006), „Terminifera“ (2007) und das Kinderbuch „Biebu“ (2008).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2008)