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Finanzwelt in Moskau völlig aus dem Tritt

russland
(c) bilderbox
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Kreml „spendet“ weiter Milliarden, Deripaska droht Norilsk Nickel zu verlieren.

Moskau. Nur wenige Stunden nach dem schwärzesten Handelstag in der russischen Börsengeschichte greift Russland abermals tief in die Tasche. Um die Banken im Kampf gegen die Finanzkrise zu stützen, stellt der Staat ein Kreditpaket von umgerechnet 26,7 Mrd. Euro mit einer Laufzeit von fünf Jahren zur Verfügung. Der Großteil davon geht wie schon bei früheren Stützungsmaßnahmen an die staatlichen Branchenleader Sberbank und Vneschtorgbank (VTB). Darüber hinaus sollen Gesetzesnovellen künftig die Eintreibung verpfändeter Schulden erleichtern. Der russische Präsident Dmitri Medwedjew drückt jetzt auch aufs Tempo: „Die Geschwindigkeit ist sehr viel wert“.

 

Kreml drückt aufs Tempo

Auch international sei Geschwindigkeit gefordert, um die „großflächige Finanzkrise“ zu überwinden, meinte Medwedjew und kündigte an, sich auf der Wirtschaftskonferenz mit EU-Vertretern wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy im französischen Evian für gemeinsame Rettungspakete einzusetzen.

Der Effekt des beschlossenen Kreditpaketes jedenfalls war für die russische Börse am Dienstag nur von kurzer Dauer. Legten der RTS-Index und die Interbankenbörse Micex anfänglich vier bis fünf Prozent zu, drehten sie am Nachmittag abermals ins Minus. Der RTS schloss bei minus 0,95 Prozent. Der monatelange Negativtrend hatte am Montag seinen Höhepunkt erreicht.

Unter den weltweiten Börsenabstürzen lieferte Russland den traurigen Rekord. Trotz mehrmaliger Handelsstopps stürzte der RTS um 19,1 Prozent ab, die Micex um 18,66 Prozent. In London verloren die russischen Bluechips zwischen 20 und 50 Prozent. „Früher hatten wir alle zehn Jahre einen schwarzen Montag“, brachte Manoj Ladva, Analyst bei ETX Capital, die Katastrophe auf den Punkt: „Heute kommt er öfter als der Autobus in London“.

 

Margin Calls bei Norilsk Nickel?

Die schlechteste Performance unter den russischen Unternehmen weist zuletzt übrigens der weltweit größte Nickelproduzent „Norilsk Nickel“ auf. Die Aktie verfiel am Montag um 37,67 Prozent, nachdem sie schon am Freitag nach der Präsentation des Finanzberichtes 18,2 Prozent verloren hatte.

Wurde anfänglich der Verlust dem verschlechterten Betriebsergebnis und der ausbleibenden Dividendenzahlung zugeschrieben, so hält sich diese Woche hartnäckig das Gerücht, dass sogenannte „Margin-Calls“ auf große Aktienpakete erfolgt seien. Dabei verlangen Banken von Kreditnehmern, die Aktien auf Kredit gekauft haben, Bargeldnachschüsse oder neue Sicherheiten. So geschehen in der Vorwoche, als sich der reichste Russe, Oleg Deripaska, von seinen 20 Prozent Aktien am kanadischen Automobilzulieferer Magna trennen musste.

„Wenn ein Konzern wie „Norilsk Nickel“ binnen zweier Tage von 120 Dollar auf 70 Dollar je Aktie fällt, ist dies nicht normal“, zitiert die Zeitung „Wedomosti“ einen anonymen Branchenexperten.

Der Hintergrund ist pikant. Im April hat Deripaskas Aluminiumkonzern Rusal die Sperrminorität an Norilsk Nickel erworben und den 4,5 Mrd. Dollar (3,3 Mrd. Euro) schweren Kredit mit den erworbenen Aktien besichert. Zwischen dem größten Anteilseigner (rund 30 Prozent), Wladimir Potanin, und Deripaska war es in der Folge zu einem Tauziehen über die Vorherrschaft im Konzern und die weitere Strategie gekommen. Unter anderem steht zur Diskussion, ob auf der Grundlage von „Norilsk Nickel“ über weitere Fusionen der weltweit größte Metallurgiekonzern entsteht. Ein Vertreter von Rusal beschuldigt nun Potanin, die Aktie künstlich zu entwerten.

Beide Seiten dementierten jedenfalls „Margin-Calls“. Rusal erklärte am Dienstag, dass es sein Aktienpaket als strategisch erachte. „Norilsk Nickel“ erzielte im Vorjahr bei einem Umsatz von 17,1 Mrd. Dollar einen Reingewinn von 5,28 Mrd. Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2008)