Eigentlich wollte Ann-Marie Backlund Bäuerin werden. Dann hat sie sich aber doch für eine Opernkarriere entschieden.
Sie ist die Tosca in der Neuinszenierung der Puccini-Oper in der Volksoper. Schwedische Diven stammen des Öfteren aus bäuerlichem Ambiente: Bei der 38-jährigen Ann-Marie Backlund ist es nicht anders als einst bei Birgit Nilsson.
Wie wird man auf dem Lande zum Opern-
sopran?
Ach, das kam bei mir ganz spontan. Aus Zufall, sozusagen. Ich wollte in die Musikschule gehen. Klavier war mein Instrument. Aber ich brauchte ein zweites Fach. Da dachte ich: Ich kann ja singen. Also nehme ich Gesang. Ich lernte ein paar Arien zum Vorsingen, und es war kein Problem. Die ersten beiden Jahre war Klavier mein Hauptfach. Dann habe ich getauscht. Meine Gesangslehrerin und ich entdeckten, dass es für meine Stimme keine Grenzen gab. Es war alles ganz leicht, ich kam ganz hoch hinauf, die Stimme entfaltete sich mühelos. Da war mir klar: Ich will Opernsängerin werden. Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel Arbeit das bedeuten würde und wie lange es dauert, bis man endlich auf der Bühne steht.
Wie lange hat es bis zum Debüt gedauert?
Mit 17 hatte ich mich entschieden, ich war 25, als ich ins Opernstudio in Stockholm aufgenommen wurde. Und mit 29, nach dem Abschluss, stand ich dann als Mimi in Puccinis „Bohème“ auf der Bühne.
Puccini war ja in Ihrem Bühnenleben von Anfang an der wichtigste Komponist, scheint es.
Ja, ich habe unglaublich viel Puccini gesungen. Nach der Mimi sofort die „Butterfly“. Ich hätte nie gedacht, dass das meine zweite Rolle sein würde. Ich dachte eher, ich würde Mozart und lyrische Rollen singen. Alle Experten haben damals gesagt: Oh, sie singt schon die Butterfly, das wird sicher die Stimme kaputt machen! Hat es nicht! Dann sagten sie: Oh, sie singt schon die Leonora in Verdis „Trovatore“, das wird die Stimme sicher kaputt machen. Hat es nicht. Alle Experten sagen ja immer, man soll mit Mozart anfangen. Ich habe mit Puccini angefangen, mich überhaupt nie an die Reihenfolge gehalten, von der es heißt, sie sei die einzig richtige, zuerst Mozart, dann lyrische Partien, dann Puccini, Verdi, Wagner.
Wagner?
Ich habe die Sieglinde in einer konzertanten „Walküre“ gesungen. Aber das wäre ein Traum: Elisabeth, Elsa.
Wann ist denn die Leidenschaft für die Bühne aufgekeimt? In der Kindheit?
Ich komme aus einem kleinen Dorf im Norden von Schweden. Dort gibt es viel Musik, auch eine enorme Volksmusiktradition. Mein Vater ist auch sehr musikalisch. Die Musikalität kommt von ihm. Als ich 14 war, wollte ich Bäuerin werden, meine Großeltern sind Bauern. Ich dachte mir da: schön, so viele Tiere. Aber dann habe ich gesehen, wie viel Arbeit das bedeutet. Gar keine Freizeit! Dann sagte eine Freundin: Ann-Marie, du solltest Musik studieren. Da dachte ich: Ja, sie hat Recht. Ich mache Musik! Von Oper hatte ich damals aber keine Ahnung. Ich wusste nur, wer eine große Stimme hat, der kann in der Oper singen ...
Sie scheinen sehr begeisterungsfähig, immer volle Kraft voraus. Was sind Sie denn im Sternbild?
Widder.
Kommt Ihnen das für die Interpretation der „Tosca“ vielleicht entgegen?
Sie zeigt immer sofort ihre Emotionen. Deshalb funktioniert das für den Polizeichef Scarpia ja so gut: Er muss ihr im ersten Akt nur den Fächer zeigen, und sie ist sofort eifersüchtig und explodiert. Ja, ich glaube, Tosca ist auch ein Widder.
Sie erwecken den Eindruck, dass Sie von einer Partie, die Sie verkörpern sollen, eine ziemlich genaue Vorstellung haben. Wie halten Sie’s denn mit den Regisseuren?
Meine Stimme ist meine Seele. Was rauskommt, das bin ich. Ein Regisseur, auch ein Dirigent kann sagen: Ich will eine andere Farbe für dieses oder jenes Wort haben, dann kann ich das machen. Er kann aber nicht eine andere Stimme verlangen. Ich hatte noch nie Probleme mit Regisseuren. Der Regisseur kann sagen, wo man auftritt und wo es langgehen soll. Aber das, was ich, Ann-Marie, auf die Bühne bringe, das bin ich. Und meistens stimmt ohnehin überein, was ich möchte und was der Regisseur möchte. Sonst geht das ja gar nicht, dann sitzt ein verzweifelter Regisseur im Zuschauerraum, und eine Sängerin steht auf der Bühne, die unzufrieden ist. Man muss bei den Proben einen gemeinsamen Weg finden. Wenn etwas nicht funktioniert, dann muss man darüber reden. Sobald man einem Regisseur sagt: Ich kann das physisch nicht machen, dann sieht er das in der Regel ein. Ich kann nicht die Arie „Vissi d’arte“ auf dem Rücken liegend singen.
Wie geht es Ihnen denn mit diesem sogenannten „Gebet“ der Tosca, das Sie gerade angesprochen haben? Das ist doch in dem Stück ein retardierendes Moment. Plötzlich steht die zuvor so atemberaubend vorangetriebene Handlung still.
Nach dieser Gewaltszene, die hier auch, wie ich finde, großartig inszeniert ist, ist Tosca am Ende. Sie kann gar nicht anders. Ich glaube, auch das Publikum braucht dort eine kleine Pause, bevor es mit der Gewalt weitergeht. Sonst würde das Stück sogar an Spannung verlieren, glaube ich. Das ist von Puccini unglaublich raffiniert gemacht!
Tosca
Volksoper Wien, Premiere 12. 10.