Drastische Mittel gegen den neuerlichen Börsensturz: Aktienhandel wird gestoppt. Um Panik zu vermeiden, schießt der Staat Staat Milliarden in die Wirtschaft.
MOSKAU. Um dem Spuk des schier bodenlosen Absturzes ein Ende zu setzen, haben am Mittwoch beide russische Börsen den Handel bereits um elf Uhr Ortszeit ausgesetzt. Wie schon die Tage und Wochen davor hat das russische Parkett die internationale Tendenz auch gestern wieder am negativsten reproduziert. Die Interbankenbörse MICEX ist am Vormittag um 14,35 Prozent abgestürzt, der in Dollar gehandelte RTS um 11,25 Prozent auf 761,63 Punkte. MICEX hält bis Freitag geschlossen, der RTS bis zu einer gegenteiligen Verfügung der Finanzmarktbehörde. In London hingegen haben russische Papiere am Nachmittag zugelegt.
Bei den Analysten löste der weitere Absturz in Russland keine besondere Verwunderung mehr aus. Schon vor dem gestrigen Einbruch hat der RTS allein seit Freitag um die 27 Prozent verloren, das Allzeithoch hatte im Mai bei 2487,92 Punkten gelegen.
Mit dem Handelsstopp wolle der Staat den Investoren die Effizienz seiner Rettungsmaßnahmen, darunter die Kapitalzuschüsse für das Bankensystem, erklären, meint Andrej Sojanov, Chefanalyst bei Rosbank. Am Vortag hatte die Staatsführung den größten Banken Kredite von 950 Mrd. Rubel (26,7 Mrd. Euro) zugesagt. Dies entspräche 31 Prozent des Eigenkapitals des gesamten russischen Bankensystems, schätzen die Analysten des Kreditinstituts Trust.
Hoffen auf Leitzinssenkung
Im Verein mit den schon zuvor zugesagten Stützungsmaßnahmen und durch den Multiplikationsfaktor könnten sich das Eigenkapital und die Kreditaktivität bedeutend erhöhen. Laut Jelena Scharipowa, Chefökonomin bei der Bank Renaissance Capital, werden sich die am Mittwoch im Westen herabgesetzten Leitzinsen auch auf Russland positiv auswirken, nötig wäre aber, dass auch Russland dem Beispiel folge.
In den letzten Monaten wurden alle russischen Titel entwertet, auch die Öl- und Gasunternehmen. Mit Dienstag waren alle russischen Ölfirmen zusammengenommen nicht mehr wert als die brasilianische Petrobras, rechnet die Investitionsgesellschaft Troika Dialog vor.
Nun nützen die Ölfirmen und der Gasmonopolist Gazprom den Moment. Gemeinsam haben sie sich mit einer schriftlichen Bitte um weitere Finanzmittel an Premier Wladimir Putin gewandt. Die teuren Kredite zu marktwirtschaftlichen Bedingungen würden zur Tilgung von Auslandsschulden gebraucht, schreiben sie.
Den Firmen und Banken war schon letzte Woche ein Hilfspaket von 50 Mrd. Dollar zugesagt worden, mit dem sie ihre Auslandsschulden bedienen können. Ölfirmen hatten zudem unverzüglich Steuervergünstigungen erhalten.
Niedriger Ölpreis ist ein Problem
Wie etwa Lukoil-Chef Wagit Alekperow meinte, könne der zweitgrößte Ölkonzern den Förderzuwachs und das Investitionsprogramm nur gewährleisten, wenn der Ölpreis über 105 Dollar je Barrel liegt. Die Ölfirmen hätten keinen Bedarf an schnellen Zuschüssen, meint die Analystin von S&P, Jelena Anankina: Sie würden mehr verdienen, als sie verbrauchen. Aber es bestehe eben die Chance, jetzt das Geld zu besseren Bedingungen als auf dem Markt zu erhalten.
Experten gehen davon aus, dass der Staat die Bitte der Ölfirmen nicht ausschlagen werde und ihnen auf diese Weise gute Bedingungen zur Expansion biete. Lukoil etwa muss heuer Käufe in Italien (Raffinerie ISAB für 2,1 Mrd. Dollar) und in der Türkei abschließen, Gazprom in Libyen.
Unterdessen gibt es Anzeichen, dass die internationale Finanzkrise in Russland auch schon reale Industriesektoren erreicht hat. Der Metallkonzern Magnitogorsk hat laut Zeitungsberichten die Produktionspläne für Oktober um ein Viertel gekürzt. Und bei russischen Autoproduzenten gehen die Verkäufe zurück. Fließbänder arbeiten angeblich bereits mit Unterbrechungen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2008)