Sind Börsianer durchgeknallt?

(c) Reuters (Paulo Whitaker)
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Die Weltbörsen übertreiben jetzt nach unten, so wie früher nach oben.

Die Lage sieht derzeit so aus: Die Immofinanz, eine börsennotierte Immobiliengesellschaft mit MilliardenImmobilienvermögen, könnte man an der Börse um den Gegenwert von drei Jahresdividenden kaufen. Das ist selbst dann ziemlich krass, wenn die Gesellschaft hörbar kracht, weil sie zumindest in den vergangenen beiden Jahren nicht eben glanzvoll gemanagt wurde.

Aber auch die „Perlen“ der Wiener Börse sind derzeit zum Schnäppchenpreis zu haben. Wer vor ein paar Monaten gesagt hätte, dass man eine OMV-Aktie um etwas mehr als 20 und einen Voestalpine-Anteil um weniger als 20 Euro bekommen wird, dem hätte man zweifellos einen guten Therapeuten empfohlen.

Das Faszinierende ist aber nicht, dass die Aktien so tief notieren, sondern dass sie selbst zu diesem Preis niemand haben will: Die Kurse fallen weltweit in atemberaubendem Tempo. Und ein Boden ist nicht abzusehen. Selbst wer zu diesen Preisen einkauft, muss damit rechnen, dass er noch ziemlich tief in den Keller fährt.

Sind die Börsianer alle verrückt geworden? Die Antwort: Nein. Aber sie sind von der Wucht des Abschwungs ebenso überrascht worden wie wir alle. Und jetzt werden sie eine Zeitlang noch nach unten ebenso übertreiben, wie sie das in den vergangenen Jahren nach oben getan haben.

Seit 2005 hatte sich an den Weltbörsen nämlich ganz eindeutig eine (vom billigen Geld aufgeblähte) Blase gebildet. Ganz besonders in Wien, wie man am Langzeit-Chart mit freiem Auge sehr leicht erkennen kann. Fundamental wäre vielleicht ein Anstieg auf 3000 Indexpunkte gerechtfertigt gewesen. Und nicht auf fast 5000.

Getrieben wurde das alles hierzulande von der sogenannten „Ostfantasie“, die sich tatsächlich als Fantasie entpuppt. Die Krise trifft zumindest Teile Osteuropas besonders hart, und das wird Wien noch länger bremsen.

Diese „Normalisierung“ der Börsenkurse wäre noch keine Katastrophe gewesen. Die wird jetzt freilich durch das ausgelöst, was die Finanzwelt als „Liquiditätsengpass“ umschreibt: Die großen und kursbestimmenden Akteure an den Börsen, das sind vor allem Banken, Fonds und Pensionskassen, brauchen derzeit Cash wie den sprichwörtlichen Bissen Brot. Teils zum nackten Überleben. Sie müssen deshalb Papiere aus ihren Portfolios buchstäblich um jeden Preis auf den Markt werfen (zumal ja die Anleihemärkte auch zusammengebrochen sind).

Diese Schwemme an Papieren ist der eigentliche Grund für den krassen Kursverfall. Eine Übertreibung, die, wenn die Krise bewältigt werden kann, durch großen Aufholbedarf exzellente Gewinnchancen bieten wird. Für die, die sich dann noch trauen.


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2008)

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