Chemie und Eros der Koffeingetränke

Natürlich heißt es „das Cola“. Aber es kann seinen Reiz haben, „die Cola“ zu sagen.

Ein Mathematiker“, sagte Paul Erdös, „ist eine Maschine, die Kaffee in Theoreme verwandelt.“ Bei ihm wirkte das. Der Chemiker versucht meist vergeblich, Kaffee in Strukturformeln zu verwandeln. Gut, Erdös ergänzte das Koffein (1,3,7-Trimethyl-3,7-dihydro-2H-purin-2,6-dion) durch Amphetamin (1Phenylpropan-2-amin). Dafür blieb ihm wohl das Taurin (2-Aminoethansulfonsäure) fremd. Ich zumindest kann mir keinen Mathematiker vorstellen, der „Energy Drinks“ trinkt.

Höchstens einen Finanzmathematiker. Denn diese koffeinhaltigen Erfrischungsgetränke passen perfekt an die Börse: Getränke, die z.B. „Red Bull“ heißen, aber nach Gummibärchen schmecken, eignen sich für Menschen, die ihre Stimmung mit den Adjektiven „bullish“ (für manisch) und „bearish“ (für depressiv) beschreiben. Ich bin Eckzinssparer, ich trinke das nicht.

Aber ich lobe die Firma. Sie bewirbt nämlich ihr neues Produkt als „das Cola von Red Bull“, und das verstört laut Medienberichten deutsche Ohren, die nicht „das Cola“ gewohnt sind, sondern „die Cola“.

Ein stolzer Akt der nationalen Differenzierung, des bekennenden Österreichertums, gewiss. Aber wieso empfinden diese Deutschen das beliebte Getränk als weiblich? Weil es als die Milch der freien Welt gilt? Weil es im weitesten Sinn eine Limonade ist? Wieso ist die überhaupt weiblich, der Saft aber männlich? Und wie passt die urbane Legende, dass Cola spermizid wirke, ins Bild?

Auch Alltagsfreudianismus hilft uns nicht weiter. Dass der Einser männlichen Geschlechts ist – und nie und nimmer, wie's die Deutschen tun, als „die Eins“ bezeichnet werden darf – beweist seine aufrechte Form. Eine Cola-Flasche aber ist von ihrer Gestalt her, länglich, bauchig und hohl zugleich, geradezu vorbildlich zwitterhaft. Die Dose mag eher rein weiblich konnotiert sein, was ein Strohhalm aber wieder ausgleicht...

Genug der Derbheiten. Man kann dem Thema feinere erotische Aspekte abgewinnen. Etwa im Sinne Jörg Mauthes, der in seinem Roman „Die große Hitze“ seinen Legationsrat Dr.Tuzzi den Reizen des Imperfekts (aus dem Mund einer jungen Deutschen) erliegen ließ. Diese „vom österreichischen Ohr als Verfremdung und Verkünstlichung empfundene Sprachbesonderheit“, schrieb er, könne „eine entschiedene Genusserweiterung bedeuten“, das „unter dem Imperfektum bebende Cortische Organ“ werde zur erogenen Zone.


Über umgekehrte Erfolge können junge österreichische Männer berichten, die es in deutsche Städte verschlagen hat, wo sie – anfangs unschuldig, später berechnend – in gemischten Runden so sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, also z.B. den Kaffee auf der zweiten Silbe betonen, „der Einser“, „die Joghurt“ oder „leiwand“ sagen, vom brutal charmanten „Küss die Hand“ ganz zu schweigen.

Die Entdeckung dieser Erotik der kleinen sprachlichen Unterschiede könnte der unter der allgemeinen Abstumpfung der Sinne leidenden Filmbranche helfen, glaube ich – und schenke ihr folgende hochgradig sexuell aufgeladene Drehbuchszene:

„Ich nehme dann noch eine Cola“, sagt sie; „mir wäre ein Kaffee lieber“, erwidert er, das „e“ fast schon über Gebühr dehnend... ( – – – )

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2008)

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