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Schwarzer Freitag: Talfahrt an den Börsen

(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Erstmals in der Geschichte wurde der Handel an der Wiener Börse ausgesetzt. Der Leitindex ATX schloss mit einem Minus von 7,4 Prozent. Der Dow Jones fiel nach Eröffnung um 700 Punkte ehe er sich wieder leicht erholte.

Erstmals in der Geschichte der Wiener Börse wurde heute, Freitag, ein totaler Handelsstopp verfügt. Der Handel für sämtliche Aktien und andere Wertpapiere war von Handelsbeginn bis 12 Uhr für mehrere Stunden ausgesetzt. Knapp nach der Wiederaufnahme des Handels zu Mittag verlor der Index zeitweise bis zu 11,85 Prozent.

Nach einer kurzen Phase der Erholung schloss die Wiener Börse am Freitag aber erneut mit einem deutlichen Minus: Der ATX fiel um 7,37 Prozent auf 2.002,05 Einheiten und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2004. Allein in dieser Woche hat der ATX bereits rund 29 Prozent an Wert verloren. Seit Jahresbeginn haben sich gemessen an der Marktkapitalisierung heimischer Unternehmen schon rund 90 Mrd. Euro an Börsenwert in Luft aufgelöst.

Die wichtigsten Indezes in Europa:

Der Handel an der Wiener Börse war bis 12:00 gestoppt worden, um neue Spielregeln zu implementieren, wie Finanzministerium, Finanzmarktaufsicht und Wiener Börse zu Mittag gemeinsam betonten. Künftig kann der Handel jedes Titels ausgesetzt werden, wenn sein Kurs um mehr als zehn Prozent schwankt. Außerdem wurden sogenannte Short-Sellings (Leerverkäufe), also der Verkauf von Papieren, die der Verkäufer nicht selber hält, verboten.

"Keiner traut sich mehr zu handeln"

Aktienhändler berichteten von Panikverkäufen. Von Privatanlegern bis Fondsmanagern würden viele Anleger ihre Aktienpositionen weiter verkaufen. "Die Investoren versuchen derzeit möglichst viel Cash zu generieren, egal wie", berichtete ein Händler. Am Geldmarkt seien derzeit keine kurzfristigen Gelder mehr zu bekommen, entsprechend sei der Bargeldbedarf der Unternehmen enorm, hieß es.

Das durch die Aktienverkäufe generierte Geld werde derzeit aus Angst einfach nicht weiter gegeben, sagte ein Händler. "Keiner traut sich mehr mit einem anderen handeln, weil man nicht weiß ob es den Handelspartner in den nächsten 3 Stunden noch gibt oder schon zerfetzt hat", beschrieb ein Händler die Situation am Markt. Angesichts der weiter angespannten Situation am Geldmarkt und der damit massiv erschwerten Finanzierung der Unternehmen seien drastische Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu befürchten, vermutete ein Aktienhändler.

Bankwerte massiv unter Druck

Massiv unter Druck kamen am Freitag angesichts der Finanzkrise erneut die Bankenwerte. Raiffeisen International stürzen um 15,00 Prozent auf 27,20 Euro und damit auf neue Allzeittiefs ab (1.610.327 gehandelte Stück). Die Aktie leidet Marktkreisen zufolge angesichts ihres Russland-Engagements besonders unter die Krise. Erste Group fielen um 10,66 Prozent auf 22,20 Euro (2.685.596 Stück).

Auch viele andere Schwergewichte brachen deutlich ein. So fielen Telekom Austria um 13,59 Prozent auf 9,60 Euro, OMV sanken um 6,66 Prozent auf 22,70 Euro. Zahlreiche andere Aktien sahen Verluste von deutlich mehr als zehn Prozent. Größter Verlierer im prime market waren Immoeast mit einem Minus von 30,00 Prozent auf 0,77 Euro.

Dow Jones stürzt ab

Binnen weniger Minuten nach Handelsbeginn sackte der Dow Jones Index in New York um nahezu 700 Punkte ab, erholte sich leicht und ging nach einer Rede von US-Präsident George W. Bush wieder auf Talfahrt. Marktteilnehmer sprechen von einem "irrationalen Pessimismus", der außer Kontrolle gerät. Der Handel dürfte sich bis Börsenschluss weiterhin äußerst volatil gestalten, hieß es.

DAX purzelt um zehn Prozent

Die Frankfurter Aktienbörse stürzte dramatisch ab. Der DAX brach in den ersten Handelsminuten um mehr als zehn Prozent ein. Bis 9.40 Uhr verlor der DAX 378,45 Einheiten oder 7,74 Prozent auf 4.508,55 Zähler. Seinen historischen Kursverlust von mehr als zwölf Prozent im Jahr 1989 erreichte er damit in der Früh allerdings nicht.

Deutsche Börse bleibt offen

Anders als an der Börse Wien soll der Handel am deutschen Aktienmarkt nicht unterbrochen werden. "Hier den Handel komplett auszusetzen ist nicht geplant", sagte ein Sprecher der Deutschen Börse am Freitag. "Einzeltitel kann es treffen, aber nicht den gesamten Handel."

Die Weltbörsen krachen, DAX macht mit

Die erdrutschartigen Verluste an den Weltbörsen belasteten den deutschen Aktienmarkt massiv. So verlor der Dow Jones am Vorabend um 7,33 Prozent und schloss auf 8.579,19 Punkten. Der japanische Nikkei-225 schloss in der Früh mit einem Verlust von 9,62 Prozent auf 8.276,43 Einheiten. "Wer jetzt noch Positionen besitzt, dürfte mit diesen Vorgaben in Panik verfallen und zu jedem Kurs versuchen, aus dem Markt zu kommen", sagte ein Börsianer.

Finanztitel verlieren massiv

Vor allem Finanztitel litten im Strudel der erneut gestiegenen Abwärtsdynamik. Commerzbank fielen um 10,60 Prozent auf 9,63 Euro. Deutsche Bank büßten 10,41 Prozent auf 33,33 Euro ein. Münchener Rück sackten um 9,68 Prozent auf 85,80 Euro. Allianz fielen um 9,88 Prozent auf 70,38 Euro. Auch der US-Lebensversicherer Prudential Financial warnte am Vorabend vor einem schlechten dritten Quartal im Zuge der Finanzkrise. In Zusammenhang mit der Pleite von Lehman Brothers sowie heftigen Turbulenzen bei der American International Group (AIG) und Washington Mutual habe es schwere Verluste gegeben. Prudential-Aktien waren gestern an der NYSE um 22,10 Prozent eingebrochen.

Talfahrt auch in der Schweiz

Auch an der Schweizer Börse purzeln die Kurse. Der Leitindex SMI stürzte zur Eröffnung um 8,8 Prozent ab, erholte sich aber sogleich ein wenig. Er hält bei 5401 Zähler, dem tiefsten Stand seit vier Jahren.

7,2 Prozent Verlust in China

In Hongkong fiel der Hang Seng Index um 7,2 Prozent auf 14.796 Punkte. Im Wochenverlauf verlor er damit rund 17 Prozent. Das ist der größte Wochenverlust seit über zehn Jahren.

Börse Moskau bleibt geschlossen

Die russische Wertpapiermarktbehörde hat zur Verhinderung von Kursverlusten infolge der internationalen Finanzkrise den Aktienhandel am Freitag erneut ausgesetzt. Die russischen Börsen RTS und MICEX blieben angesichts der dramatischen Einbrüche an den Börsen in Europa, Asien und den USA "bis auf Weiteres" dicht, entschied die Behörde nach Angaben der Agentur Interfax. Die Pensionsgeschäfte liefen allerdings weiter. Schon am Mittwoch wollte die Behörde die Börse bis heute, Freitag, schließen. Gestern wurde sie jedoch kurz geöffnet.

Goldpreis steigt weiter

Mit dem neuerlichen Einbruch an den internationalen Aktienmärkten kletterte der Preis für eine Feinunze (etwa 31 Gramm) in der Spitze zeitweise über 930 US-Dollar. Zuletzt kostete eine Feinunze 924,40 Dollar (675,6 Euro) und damit noch rund 12 Dollar mehr als am Vortag. Die Investoren haben bei der Suche nach Sicherheit ihre Bestände bei Goldfonds inzwischen auf ein Rekordniveau aufgestockt, hieß es bei Barclays Capital.