Handelsstopp in Wien: Herzrhythmus-Störung an der Börse

(c) BilderBox (Erwin Wodicka)
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Die Wiener Börse musste wegen dramatischer Kursverluste stundenlang „zusperren“. Der „Abverkauf“ ließ die Kurse von Raiffeisen und Erste Bank in den Keller stürzen.

Wie. So etwas hat man an der Wiener Börse noch nicht gesehen: Als die Orderbücher nach schweren Kursverlusten in Amerika und Asien auch in Wien die regelrechte Zertrümmerung vieler Aktienkurse wichtiger Unternehmen signalisierten, wurde der Aktienhandel gleich nach der Eröffnung gestoppt. Bis 12 Uhr Mittag blieb die Wiener Börse zwecks „Beruhigung“ der Marktteilnehmer geschlossen – doch dann spielte es „High Noon“: Der Wiener Leitindex ATX wurde blitzartig um bis zu zwölf Prozent in die Tiefe geschossen.

Wilde Gerüchte nach Absturz

Ein auch für Börsianer unfassbarer Vorgang. Denn die „gefährlichsten“ Papiere waren da noch gar nicht enthalten: Die beiden Großbanken Raiffeisen International und Erste Group, die während der Handelsunterbrechung in Wien auf Auslandsbörsen schwer unter Druck gekommen waren, wurden vorerst ebenso wenig gehandelt wie die Versicherungsaktie der Vienna Insurance Group (früher Wiener Städtische).

Was auf dem Markt zu wilden Gerüchten führte: Von Krisensitzungen war ebenso die Rede wie von notwendigen Staatshilfen. Zumal die beiden Banken am Vormittag bekannt gegeben hatten, dass sie von der Island-Krise direkt betroffen sind: Die Erste Bank mit „nur“ 300 Millionen Euro, Raiffeisen mit einem Betrag, über den man keine Auskunft geben wolle.

Auch nach der Wiederaufnahme des Handels blieben die beiden Bankaktien mit Tagesverlusten von jeweils rund 15 Prozent unter den Topverlierern hängen.

Eine kleine Erleichterung brachten nur die Amerikaner: Eine besser als erwartete Wallstreet-Eröffnung sorgte am Nachmittag dafür, dass sich der Tagesverlust des ATX-Index von knapp zwölf Prozent zu Mittag auf zuletzt noch 7,37 Prozent verringerte.

Der „schwarze Freitag“ in Wien war aber kein Einzelfall: In ganz Europa waren Anleger panisch aus Aktien geflüchtet und hatten zu Mittag noch für durchwegs prozentuell zweistellige Verluste gesorgt.

90 Milliarden Euro „vernichtet“

An der Wiener Börse, die von der Krise in diesem Jahr besonders heftig heimgesucht wird, sind damit seit Jahresbeginn schon 90 Milliarden Euro an Börsewert verpufft. Am schlimmsten hat es die Banken erwischt: Raiffeisen International hat seit Jahresbeginn fast 70 Prozent verloren, der Börsewert des Unternehmens verringerte sich um zwölf Milliarden Euro. Ähnlich viel haben die Eigentümer von Voestalpine- (minus 67,24 Prozent) und Wienerberger-Aktien (minus 66,4 Prozent) verloren. Keine einzige Aktie aus dem Leitindex ATX liegt im Plus. Am besten hat sich noch die Aktie der Post mit einem Minus von 7,8 Prozent gehalten.

Die „Blase“, die sich an der Wiener Börse gebildet hatte, dürfte damit endgültig Geschichte sein. Die Kurse dürften ihren Boden aber noch nicht gefunden haben. Waren sie bisher von der Finanzkrise gedrückt worden, so kommen nun ernsthafte Befürchtungen über eine weltweite Rezession hinzu. Das würde die Gewinne der Unternehmen ebenso wie die Aktienkurse noch weiter drücken.

Die Wiener Börse hat am Freitag erstmals ihr neues Arsenal an Anti-Krisen-Maßnahmen in Stellung gebracht: Bisher hatten nur einzelne Aktien aus dem Markt genommen werden können, die neuen, gestern erstmals angewandten Handelsregeln ermöglichen nun einen totalen Stopp des gesamten Börsehandels, wenn mehrere Titel über zehn Prozent verloren haben. Nach den von der Finanzmarktaufsicht erstellten Regeln kann nun auch das so genannte Short-Selling (Spekulation auf fallende Kurse) verboten werden. Short-Selling verschärft den Druck auf Aktienkurse.

Für Heiterkeit unter Insidern sorgte am Vormittag eine Erklärung des Finanzministeriums für die Handelsunterbrechung: Man müsse die Börse bis 12 Uhr nur wegen der „technischen Vorbereitung auf das Short-Selling-Verbot“ dichtmachen, hieß es.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)


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