Kurssturz: „Da wird eine Depression eingepreist“

(c) AP (Richard Drew)
  • Drucken

US-Börsianer reagieren fassungslos, die Löschversuche der Notenbanken verpuffen wirkungslos.

Wien/ New YorK. Die Wall Street erlebte ihr Waterloo am Donnerstagabend: Knapp vor dem Abschluss eines nicht besonders aufregenden Börsentags mit – für Zeiten wie diesen – moderaten Verlusten brach auf dem Parkett plötzlich Panik aus: Aktien wurden in großer Zahl um buchstäblich jeden Preis in den Markt geschüttet. Und am Ende des Tages lag das wichtigste Börsenbarometer der Welt, der Dow-Jones-Index, nach einem Tagessturz um 7,22 Prozent erstmals seit fünf Jahren wieder unter der Marke von 9000 Punkten.

Das war der Auftakt für einen der schlimmsten Börsenfreitage der Wirtschaftsgeschichte: Weltweit verzeichneten die Börsen zweistellige Tagesverluste. Und die Börsianer in New York waren fassungslos. Es hatte am Nachmittag zwar die gewohnt schlechten Konjunkturnachrichten gegeben, aber eine Rezession, an die alle glauben, war in den Kursen längst enthalten. „Ich glaube, die beginnen, eine echte Depression einzupreisen“, sagte ein Börsenhändler perplex.

Ganz so dick dürfte es denn aber doch nicht kommen. Trotz des globalen Kursmassakers eröffnete die New Yorker Börse am Freitag nämlich nur noch mit leichten Verlusten – und das beruhigte auch die völlig panischen Börsianer in Europa ein bisschen: Aus zweistelligen Tagesverlusten wurden – auch in Wien – mittlere einstellige.

Gewinn von 58 Jahren ausradiert

Ausgelöst hatte den dramatischen Kursrutsch in New York am Donnerstag die Performance der General-Motors-Aktie: Der Kurs des größten amerikanischen Autokonzerns, schon in den Monaten davor unter Druck, verlor an einem einzigen Tag 33 Prozent seines Werts und fiel auf den tiefsten Stand seit 1950 zurück. Mit anderen Worten: Die derzeitige Finanzkrise hat bei GM den Kursgewinn von 58 Jahren ausradiert. Der Autokonzern hatte durch schlechtes Management allerdings schon vor der Krise Milliardenverluste erlitten und gilt als stark gefährdet.

General Motors ist freilich nicht irgendein Unternehmen, sondern ein amerikanisches Industriemonument. Und: Wenn die Amerikaner keine Autos mehr kaufen, dann ist in der konsumgetriebenen US-Wirtschaft wirklich Feuer am Dach.

Vor allem wird an der Börse aber registriert, dass die Löschversuche bisher nur sehr magere Ergebnisse gebracht haben: Weder das 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket der US-Regierung, noch die angekündigte Teilverstaatlichung von Banken haben den Markt beruhigt. Und die global orchestrierte kräftige Zinssenkung der wichtigsten Notenbanken ist nicht nur in den USA praktisch wirkungslos verpufft.

Zinssenkung völlig verpufft

Was Beobachter nur mäßig wundert: Billiges Geld von der Notenbank belebt den Wirtschaftskreislauf nur, wenn es die Banken auch an die Kunden weitergeben. Wenn, wie jetzt, das Misstrauen so groß ist, dass die Banken nicht einmal untereinander Geld verleihen, die Milliarden der Notenbanken also schon in der ersten Stufe hängenbleiben, dann ähnelt die Aktion ein bisschen der Bekämpfung eines Arterienverschlusses per Blutinfusion.

Die Zinssenkung war denn wohl auch eher als psychologisches Aufmunterungssignal gedacht. Eines, das die Börsianer aber offenbar nicht wahrgenommen haben.

Garantie für alle Bankeinlagen

Jetzt will die US-Regierung stärkere Medikamente einsetzen: Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ überlegt Washington eine milliardenschwere Garantie für Bankschulden und – vorübergehend – sogar für alle Bankeinlagen. Das soll die „Kreditklemme“, die derzeit die Börsen in den Keller drückt, lockern. Jedenfalls wäre es der bisher größte Eingriff des Staates in das Finanzsystem, weshalb der Plan (vorwiegend bei Republikanern) noch auf Widerstand stößt.

Aufsehen erregt hat ja schon die vorangegangene Ankündigung von Finanzminister Paulson, der Staat werde den Banken im Rahmen des 700-Milliarden-Pakets nicht nur „faule“ Wertpapiere abkaufen, sondern auch Eigenkapital zur Verfügung stellen. Anders gesagt: Wackelnde Banken werden teilverstaatlicht. Allerdings will der US-Finanzminister dabei nur das Instrument der stimmrechtslosen Vorzugsaktie verwenden. Der Staat steigt also ein, bestimmt aber nicht mit.

Der Hintergrund ist eine rein finanzielle Überlegung: Beim Erwerb wertloser Wertpapiere ist das Geld der Steuerzahler weg. Bei der Staatshilfe mittels Beteiligung dagegen können die Anteile an jenen Banken, die die Krise überleben, in einigen Jahren wieder mit hohen Gewinnen verkauft werden. Die Staatshilfe fließt auf diese Weise also zumindest teilweise wieder zurück.

George W. Bush wird aktiv

Die Börsenkatastrophe der vergangenen Tage hat nun auch US-Präsident George Bush aktiv werden lassen. Der Präsident wollte die Märkte am Freitag mit einer Erklärung beruhigen. Die Demokraten forderten den Präsidenten der USA auf, einen G8-Krisengipfel, also eine Konferenz der Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrieländer (plus Russland) einzuberufen. „Die Welt erwartet von den Vereinigten Staaten eine Führungsrolle“, hieß es zur Begründung. Die Finanzminister der G7-Staaten beraten gerade in Washington.

auf einen blick

Die US-Börsen erlebten in dieser Woche einen der schlimmsten Kursstürze ihrer Geschichte, der Dow Jones Index liegt erstmals seit fünf Jahren unter 9000 Punkten.

General Motors hat es besonders schlimm erwischt. Die Aktie des Konzerns fiel an einem einzigen Tag um 33 Prozent. Die Kursgewinne der vergangenen 58 Jahre wurden wieder ausradiert.

Die Löschversuche von Regierung und Notenbanken sind bisher wirkungslos verpufft. Vor allem die Zinssenkung der Notenbanken verfehlte ihre Wirkung, weil das Geld bei den Banken „hängen“ bleibt.

Die US-Regierung überlegt nun drastische Maßnahmen wie die vorübergehende Teilverstaatlichung von Banken und eine ebenfalls vorübergehende Garantie für alle Bankverbindlichkeiten. Dies wäre der bisher größte staatliche Eingriff in die Finanzwirtschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.