Staatsoper: "Faust" mit Alagna und Gheorghiu als Konzert

Roberto Alagna, Angela Gheorghiu
Roberto Alagna, Angela Gheorghiu(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Dirigent Bertrand de Billy sorgt dafür, dass Gounods Goethe-Oper trotz szenischem Totalausfall zum musikalischen Fest wird.

Eine Art philharmonisches Konzert findet in der Wiener Staatsoper unter dem Titel „Faust" statt. Dass es sich bei der Vorstellung am vergangenen Samstag um eine Premiere handelte, war einzig der Qualität der musikalischen Leistungen zu entnehmen. Die allerdings waren von Weltklasse-Format. Wohl kaum ein anderes Orchester ist wohl imstande, eine romantische Partitur so mit Leben zu erfüllen wie jenes der Wiener Staatsoper, wenn es in Geberlaune ist wie diesmal.
Bertrand de Billy am Pult dechiffriert Gounods „Faust"-Musik fernab jeglicher kitschiger Klassiker-Verballhornung, die man diesem Komponisten in deutschsprachigen Landen gern unterstellt. Vor jenem Gounod, dessen Musik diesmal erklang, muss man Goethe keineswegs beschützen. Das auf den faustischen Jugendwahn reduzierte Libretto gibt der Musik Gelegenheit, alle nötigen Stimmungen zu evozieren, aber auch die psychologischen Vorgänge zum Klingen zu bringen. De Billys Engagement zaubert Farbenvielfalt und beredte Klangbilder aus dem Orchester wie dem endlich einmal wirklich kraftvoll und agil agierenden Staatsopernchor.
Das sorgt für knisternde Spannung en gros und im Detail. Die Steigerung der Walzer-Szene gerät fulminant, die geradezu impressionistischen Stimmungsnuancen in Margarethes kurzer, sehnsuchtsvoller Szene unmittelbar vor dem Schluss-Tableau des dritten Akts, aber auch das entzweiende Final-Duett geraten ekstatisch - auch und gerade dort, wo subtile Pianissimi beschworen werden.

Musikalische Noblesse

Solch musikalischen Höhenflug vokal aufzunehmen, ist nicht leicht, doch kann aus dem Wiener Ensemble immerhin Adrian Eröd wieder einmal einen enormen Publikums-Erfolg verbuchen: Er singt den Valentin mit schlanker, schön geführter Stimme und wohldosierten Energie-Schüben in der eifernden Auseinandersetzung mit dem Titelhelden. Solche Noblesse passt stilistisch wohl besser zur französischen Operntradition als jene dickflüssigere Tonproduktion, die hierzulande gepflegt wurde, als „Margarethe" noch eher als mehrfach unterbrochenes Wunschkonzert denn als sorgfältig modelliertes Gesamtkunstwerk firmierte.
Robert Alagna Faust lässt schon in der Greisenmaske ahnen, wieviel bubenhafter Charme und energetisches Potenzial in ihm schlummern. Wachgerufen, bündeln sich die Kräfte zu draufgängerischer Verve. Mag das hohe C in der Cavatine nicht ganz so strahlend klingen wie im vorausgegangenen Akt die Liebeserklärung an Gretchen, so krönt es doch, ehrlich aus der Brust gesungen, eine makellos phrasierte Gesangsleistung mit großem Aplomb.
Angela Gheorghiu hat ihrem Partner die höhere Flexibilität voraus: Mit stupendem Modulations-Reichtum wechselt sie von den gedeckten Farben der Ballade zum silberhellen, quicklebendigen Jeu perlé der Juwelenarie. Optisch bleibt sie eine Primadonna, die zu ihren Auftritten standesbewusst einherschwebt, um hie und da kleine gestische Andeutungen fallen zu lassen, die nicht ahnen lassen, wen diese Künstlerin, die so außergewöhnlich die Margarethe singt, in ihrer parallel ablaufenden Scharade darstellen möchte. Carmen vielleicht - in einer zu deftig geratenen Inszenierung?
Das eklatante Fehlen jeglicher Personenführung, durch die Erkrankung des Regisseurs erklärt, nicht entschuldigt, reduziert die musikalisch so bemerkenswerte Premiere zum notdürftigen Bühnenarrangement.

Jegliche Regie fehlt

Dass man mit Kwangchul Youn einen Mephisto von ungewöhnlich belkanteskem Zuschnitt gefunden hat, der statt des üblichen Dauerfortissimos mit leisen, ungemein differenzieren Tönen zu behexen weiß - und in der Szene im Dom geradezu beängstigend gefährlich zu werden versteht - das erklärt sich aus dem orchestralen Reichtum, findet im armseligen szenischen Arrangement aber nicht die kleinste Entsprechung. Da bleiben nur nette Episoden mit Bühnentalenten wie Janina Baechle (Marthe) und Michaela Selinger, die für den Siebel ihren Mezzo allerdings in allzu hohe Höhen treiben muss. Gefährlich - aber das nur am Rande; der Rest ist, wie schon gesagt, als Konzert von erster Qualität.

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