Schwere Vorwürfe des Amts-Missbrauchs gegen Sarah Palin. McCains „Wunderwaffe“ geht nach hinten los.
WASHINGTON. Was war sie nicht bejubelt worden von der republikanischen Basis beim Parteitag in St. Paul vor gerade einmal sechs Wochen, als John McCain sie als Vizepräsidentschaftskandidatin aus dem Hut zauberte. Sarah Palin eroberte die Herzen der Republikaner im Sturm.
Frisch und fröhlich sprach die 44-jährige Gouverneurin aus Alaska den Delegierten aus der konservativen Seele. Und dass ihre 17-jährige Tochter ein uneheliches Kind erwartet, machte die patente Politikerin – eine deklarierte Abtreibungsgegnerin – noch sympathischer.
Missbrauchte Palin ihr Amt?
Die „Hockey Mom“ und Elchjägerin dominierte die Schlagzeilen und verlieh der Kampagne der Republikaner neuen Schwung. Endlich, so der Tenor, hatte der republikanische Kandidat McCain einen Treffer gelandet.
Rasch stellte sich allerdings heraus, dass Palins Weste keineswegs so makellos ist, wie sie vorgab. Ihr Vorleben hielt einer sorgfältigen Prüfung nicht stand, Anekdoten machten die Runde. Kaum nominiert, stießen die Medien auf dunkle Flecken. Sofort nach ihrer Nominierung durchstöberten Journalisten Wasilla, die Heimatstadt der ehemaligen Schönheitskönigin. Sie beförderten gleich zu Beginn ihrer Recherchen einiges zutage.
Doch McCains Wahlkampfteam ging der Gag, der Überraschungseffekt über alles: Die unerfahrene Politikerin, gepriesen als „Wunderwaffe“, sollte den jugendlichen Charme des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Barack Obama konterkarieren. Und das gelang ihr auch – wenngleich nur für wenige Wochen. Schon bald schrumpfte der Vorsprung, den sich McCain nach der republikanischen Convention erarbeitet hatte. Seither geht es nur noch bergab.
Obwohl von Polit-Profis instruiert, gab Palin sich nach und nach politische Blößen, die ihre Unbedarftheit und Ahnungslosigkeit in zentralen Fragen etwa der Außenpolitik enthüllten. Dass sie bei klarer Sicht über die Bering-See nach Sibirien blicken könnte, sollte ihre Kompetenz in der Russlandpolitik veranschaulichen – und das war nicht als Witz gedacht.
Die Entzauberung der Sarah Palin ist indessen in vollem Gang. Nachdem ein Parlamentsausschuss im heimatlichen Alaska ihr den schwerwiegenden Vorwurf des Amtsmissbrauchs um die Ohren gehauen hat, steht die vermeintliche Sauberfrau plötzlich ziemlich angepatzt da. Bei der Entlassung des Polizeichefs von Alaska, Walt Monegan, verquickten sich Privates und Politik. Trotz massiven Drucks hatte der sich nämlich geweigert, einen Untergebenen zu feuern: Mike Wooten, gerade in einem bösen Scheidungskrieg mit Palin-Schwester Molly verstrickt. Insbesondere Sarah Palins Mann Todd soll sich bei den Machenschaften hervorgetan und auch die Amtsräume der Gouverneurin benutzt haben.
Obama zieht davon
Die Untersuchungskommission, bereits vor der Berufung Palins zur Nummer zwei des republikanischen Tickets eingesetzt, wirft der Gouverneurin vor, ihrem Mann freien Lauf gelassen zu haben. In einer notariellen Erklärung behauptet Todd Palin zwar Gegenteiliges, und auch McCain nimmt seine Kandidatin in Schutz.
Die Anschuldigungen sind ein weiterer Rückschlag für die Republikaner. Denn unterdessen zieht Obama in den Umfragen davon. Je nach Meinungsforschungsinstitut summiert sich sein Vorsprung auf sechs bis elf Prozent, und er wächst von Tag zu Tag. In einigen umstrittenen „Swing-States“ hat sich das Blatt gewendet, die Kampagne zur Registrierung neuer Wähler schlägt zugunsten der Demokraten zu Buche. Obama profitiert insbesondere vom galoppierenden Vertrauensverlust gegen die Bush-Regierung in der Finanzkrise.
Anders als in den vergangenen Wahlen wollen die Demokraten den sicher scheinenden Sieg diesmal nicht mehr aus der Hand geben. Wenige Tage vor der Wahl hat Obama soeben zwei halbstündige Werbesendungen zur Hauptsendezeit gekauft. Einen solchen Luxus hat sich zuletzt der Milliardär Ross Perot als unabhängiger Kandidat 1992 geleistet, als er Präsident George Bush sen. Millionen Stimmen wegnahm.
AUF EINEN BLICK
■Barack Obama, der Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, baut seinen Vorsprung auf John McCain aus. Laut einer Reuters/C-Span/Zogby-Umfrage führt er mit 49 zu 43 Prozent vor seinem republikani-schen Konkurrenten John McCain. Vor einer Woche erst hatte das Institut Obama nur drei Prozentpunkte voran gesehen. In anderen Umfragen hat er sich sogar um elf Prozentpunkte abgesetzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2008)