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Aus der Kurve des Lebens getragen

Jörg Haider
(c) AP (GERT EGGENBERGER)
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Seine atemlose Jagd nach Erfolg und rascher Veränderung. Ein Provokateur mit jugendlicher Masche.

Die Ortstafel von Lambichl auf der Kärntner Loiblpass-Bundesstraße konnte den Lenker des schwarzen Luxus-VW („Phaeton“) im dichten Nebel nicht einbremsen. Sie war und ist einsprachig. Ortstafeln konnten ihn Zeit seines kurzen Lebens nie beeindrucken.

Wir hatten seit Anfang 1971 miteinander zu tun. Der Jusstudent aus ärmlicher Familie in Bad Goisern lebte im Studentenheim der Kammer der gewerblichen Wirtschaft in der Pötzleinsdorfer Starkfriedgasse. Wenn ihn „Die Presse“ wegen eines Interviews suchte, musste er zum einzigen öffentlichen Münztelefon des Heimes gerufen werden.

 

Frischer Wind für alte Partei

Der junge Mann hauchte dem kläglichen „Ring Freiheitlicher Jugend“ so etwas wie Leben ein, er gewann die ersten Anhänger; der väterliche Papierindustrielle Thomas Prinzhorn finanzierte seine Monatszeitschrift „Tangente“, die frische liberale Ansichten in eine eher verschlafene Honoratiorenpartei einbrachte. Sechs Nationalratsabgeordnete waren es – nicht mehr. Lauter alte Herren.

Ein begabter Bursche, dessen Rednertalent auf den Wahlreisen des FPÖ-Obmannes Friedrich Peter zur Geltung kam. Der Chef dieser Kleinpartei nahm ihn unter seine Fittiche. Auch das Studium lief daneben im Expresstempo, am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien war Günther Winkler sein Mentor.

 

Kreisky erkannte das Talent

Durch Peter wurde schließlich Bruno Kreisky auf den Mundwerksburschen aufmerksam. Weil der RFJ keine Aufnahme in den großkoalitionären Bundesjugendring fand, ersann der Kanzler einfach eine neue Plattform, um dem liberalen Talent Gehör zu verschaffen. Kreisky liebte Widerspruch, machte sich ein Gaudium daraus, wenn den grauen Berufsjugendlichen die Attacken um die Ohren flogen. Die „Jugendgespräche“ waren ein medialer Erfolg. Dass Haider dort bald dominierte, störte den „Sonnenkönig“ am wenigsten. Bald hatte Haider die Nachwuchstalente Holger Bauer, Friedhelm Frischenschlager und Helmut Krünes an Bekanntheit überflügelt.

Der Einstieg ins politische Geschäft war gelungen. Vergebens mühte sich Winkler, seinem Lieblingsassistenten ein Stipendium an einer US-Universität einzureden. Denn bevor noch die Sache konkret wurde, kam ein Angebot aus Kärnten: Als Landesparteisekretär der relativ starken FPÖ bot sich dem Tatendurstigen ein ideales Feld, um auch im Bund Gehör zu erlangen. So wurde er – nicht zur Freude aller – 1979 jüngster Abgeordneter im Hohen Haus in Wien. Als Sozialsprecher überholte er mit Anfragen und Vorschlägen oftmals den SP-Sozialminister Alfred Dallinger „mit links“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Extrem in jeder Hinsicht

Ja, er hatte viele Gesichter. Hinter der Maske des stets freundlichen und fröhlichen Extremsportlers verbargen sich untrügliche Witterung für die Schwächen seiner Konkurrenten und eine ordentliche Portion Menschenverachtung. So lobte er seinen großen Förderer Mario Ferrari-Brunnenfeld aus der Kärntner Lokalpolitik weg. Der wurde stolzer (und völlig unbedeutender) Staatssekretär in Wien – und Haider war unversehens Landesparteichef.

 

Doch kein Parteiausschluss

Ein äußerst unangenehmer, weil der Widerspruchsgeist mit ihm durchging. Dem Bundesparteiobmann Norbert Steger machte er die Hölle heiß, so dass dieser als Handelsminister und Vizekanzler an Terrain verlor. Dieser Vertreter eines liberalen Wiener Bürgertums hatte die Stammwähler zwar „erfolgreich“ verprellt („weg mit den Kellernazis!“), aber keine neuen Zielgruppen erschließen können. Die Kleinpartei lag am Boden. Sie stellte drei Minister und drei Staatssekretäre, doch die Umfragen sagten für die nächste planmäßige Wahl 1987 die Katastrophe voraus: Die Partei würde es kaum mehr in den Nationalrat schaffen. Verzweifelte Appelle nach Kärnten zur Disziplin verpufften wirkungslos. Haider ließ es ungerührt auf ein Ausschlussverfahren ankommen. Das traute sich Steger dann doch nicht.

 

Innsbruck, 1986

Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte. Die beiden stärksten Bataillone – die Oberösterreicher und die Kärntner – vereitelten eine friedliche Rochade von Steger zu Verteidigungsminister Krünes. Und so kam es am 13. September 1986 beim Bundesparteitag in der Innsbrucker „Dogana“-Halle nach 14-stündiger Redeschlacht zum Eklat. Krünes wollte nicht gegen Steger und Haider antreten, ein letzter Versuch Stegers, Haider zur Versöhnung die Hand zu reichen, schlug fehl. Die Mehrheit drängte auf Abstimmung. Und damit hatte der Kärntner „Gastarbeiter“ aus Bad Goisern sein Ziel erreicht: 57,7 Prozent für den Mann im Jägerleinen, der es durch Erbschaft inzwischen zu privatem Reichtum gebracht hatte: Das Bärental und sein Forstbetrieb südlich von Klagenfurt hatten ihn längst unabhängig von Mandaten und Parteisekretariaten gemacht.

 

„Führerpartei“

Jubelstürme beim Parteitag; ein Herzanfall des Generalsekretärs Grabher-Meyer; die Ankündigung des Bundesgeschäftsführers Mario Erschen, sofort aus der Partei auszutreten; ein bitterer Abgang Stegers durch das unterirdische Labyrinth der Kongresshalle. Was er vor dem Besteigen seines Dienstwagens zur „Presse“ sagte, wirkte damals wie die billige Revanche am Sieger: „Sie werden sehen – der macht die FPÖ zu einer Führerpartei.“

Tags darauf beendete der neue Bundeskanzler Franz Vranitzky die Kleine Koalition. Und die Herbstwahlen verwiesen Haiders Partei auf die Oppositionsbänke: Eine Große Koalition der SPÖ mit der ÖVP Alois Mocks war die Folge.

 

Reformer in Kärnten

Dafür wurde Haider 1989 nach siegreichen Landtagswahlen Landeshauptmann. Nach Jahrzehnten eines straffen sozialistischen Herrschaftssystems atmete das Land befreit auf. Haider graste unermüdlich die Provinz ab, tauchte unvermittelt samt Sekretärstross auf den entlegensten Bergbauernhöfen auf. Und sprach dem ORF-Reporter Johannes Fischer ungeniert in die Kamera, dass der Begriff einer österreichischen Nation nach seinem Geschichtsverständnis eine „ideologische Missgeburt“ darstelle.

LH blieb er nur bis 1991. Dann stolperte er auf seinem scheinbar unaufhaltsamen Marsch nach oben erstmals. Nach seinem Ausspruch über die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ wurde er als Landeshauptmann abgewählt, versprach aber prompt: „Ich kehre wieder.“

 

Die Rückkehr

Das dauerte. Bis zu seiner tatsächlichen Rückkehr auf den Landeshauptmannsessel nach einem fulminanten Wahlsieg 1999 verdingte er sich in Wien als Klubobmann einer zahlenmäßig starken Oppositions-FPÖ. Die Ergebnisse bei Landtagswahlen quer durch Österreich signalisierten, dass mit Haider noch zu rechnen war. 1999 breiteten ihm die Kärntner Wähler nach „roten“ und „schwarzen“ Episoden wieder den roten Teppich aus – Haider war zurück, seine Partei war Nummer eins.

 

Verzicht auf Regierungsamt

Und dann die Nationalratswahl im Oktober 1999: Platz zwei für die FPÖ in der Wählergunst. Mit Wolfgang Schüssel zimmerte er die Kleine Koalition, das ersehnte Ziel, die Kanzlerschaft, blieb ihm aber verwehrt. 13 Jahre politischer Ausgrenzung waren zwar beendet, aber der wütende Gegenwind im In- und Ausland überraschte die beiden Taktiker Schüssel und Haider dennoch. So installierte Haider seine langjährige Weggefährtin Susanne Riess-Passer nicht nur als Vizekanzlerin, sondern auch als neue FP-Obfrau. Sein schwerster Fehler, wie er später räsonierte.

Lange hielt es das nunmehr „einfache Parteimitglied“ nicht aus. Belehrungen, Drohungen, Vorwürfe aus dem Bärental entnervten bald die blaue Führungsriege in Wien. Demütigungen kamen hinzu. Eine nicht abgesprochene Reise nach Bagdad inklusive Handschlag mit Saddam Hussein verbitterte Riess-Passer, die gerade in Amerika auf Image-tournee war. Treffen mit europäischen Rechtsparteien und diverse Unfreundlichkeiten („unbeflecktes Lamm“) schossen schließlich die Vizekanzlerin waidwund.

 

Revolte in Knittelfeld

Doch dann erwies sich der Störenfried Haider – wie oft an Weggabelungen – als zögerlich. So entglitt ihm im September 2002 eine „Delegiertenkonferenz“, bei der Haider-Getreue in Knittelfeld den Putsch gegen das Regierungsteam probierten. Am 8. September 2002 traten Vizekanzlerin Riess-Passer, Klubchef Peter Westenthaler und Finanzminister Karl-Heinz Grasser zurück. Heeresminister Scheibner und der Vorarlberger Vizeparteichef Gorbach wollten zwar auch gehen, überlegten sich's aber wieder anders. Sie waren immer auf der sicheren Seite.

Haider zog in seiner Verlegenheit Freund Mathias Reichhold aus dem Hut. Dem war der aber viel zu groß, so opferte sich Herbert Haupt, um die zerfledderten Schlachtreihen zu ordnen. Vergebens. Schüssel ergriff die Chance, holte bei vorgezogenen Neuwahlen fast 800.000 ehemalige Haider-Wähler zu sich herüber – und regierte weiter mit der FPÖ.

 

Spaltprodukt BZÖ

In der schwer geschlagenen FPÖ brach Panik aus. Haider war nicht bereit, die Führung wieder zu übernehmen, gründete schließlich das „Bündnis Zukunft Österreich“ und konzentrierte sich nur noch auf Kärnten. Erst im letzten Moment übernahm er im jüngsten Wahlgang dieses Jahres wieder die BZÖ-Führung und erzielte einen achtbaren Erfolg. Seine Kurve zeigte wieder einmal nach oben.

Bis die Nacht von Freitag auf Samstag all dies zunichte machte.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2008)