Die französische Tradition von Kürzungen – zur höheren Ehre des Fahrplans Pariser Vororte-Züge.
Ein wenig amüsiert nimmt der Musikfreund einen kleinen Widerspruch zur Kenntnis. Einerseits wirbt die Staatsoper damit, ein Stück wie Gounods viel gescholtenen „Faust“ als solches so ernst zu nehmen, dass – mit Ausnahme der Ballettmusik – kein Takt der Partitur gestrichen wird. Gleich bei der Premiere hat man jedoch – als Verbeugung vor der Primadonna? – die Szene der Margarethe am Beginn des vierten Akts doch weggelassen.
Es gibt, vor allem im italienischen und französischen Repertoire, eine atemberaubende Tradition von Kürzungen, meist den Sängern zuliebe vorgenommen, hin und wieder, denken wir an Verdis französischen „Don Carlos“, auch zur höheren Ehre des Fahrplans der Vorortezüge, die das Pariser Publikum einst nach Vorstellungsende noch erreichen wollte.
Donizettis „Lucia di Lammermoor“ wiederum ist, je nach Maßgabe der künstlerischen Potenz eines Tenors, um ein Bild länger oder kürzer. Meist kürzer. Wie auch immer: Wenn in Wien ein Mann wie Gounod so ernst genommen wird, dass seine gesamte Partitur zumindest einstudiert wird – und im Falle einer willigen Hauptdarstellerin auch gegeben werden kann –, markiert das eine Trendwende. Vor 100 Jahren hat Gustav Mahler noch darum gekämpft, Wagners „Ring“ ohne Striche aufzuführen – sein Nachfolger hat die Kürzungen gleich wieder eingeführt! Heute würde sich niemand einfallen lassen, die „Götterdämmerung“ oder die „Meistersinger“ verstümmelt aufzuführen. Selbst im „Tristan“ wird das gefürchtete Duett mittlerweile mehrheitlich in seiner Gesamtheit gesungen.
Dass man nun im französischen Bereich (beginnend mit „Don Carlos“) versucht, den Komponisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist ehrenvoll. Und effektiv: Die „Faust“-Premiere wirkte trotz eklatanter szenischer Ausfallserscheinungen spannend vom ersten bis zum letzten Ton. Schon Richard Strauss hat einmal gemeint, je mehr man in seinen Opern herumstreiche, umso länger wirkten sie! Das gilt für jedes Meisterwerk – „Faust“, abgesehen von besagter Auslassung vollständig gegeben, ist ein solches.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2008)