Theater: Wie Schnitzler auf Speed

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„Die Mountainbiker“ strampeln im Schauspielhaus – und stolpern.

Dieser Volker Schmidt ist ein Schelm. Der junge Autor aus Klosterneuburg tut nur so harmlos. Etwa, wenn zu Beginn seiner „Mountainbiker“ der eitle Agenturleiter Albert (Max Mayer) mit Franziska (Nicola Kirsch) über Kostüme für einen Werbefilm streitet – und sich zugleich an sie heranmacht. Simples unter Singles, scheint es. Doch ganz en passant verraten sie das Konzept des Stücks: Sie wollen jemanden zeigen, „der alles hat, und dem trotzdem etwas fehlt“. Dabei blicken sie ins Publikum. Als wären sie der Chor im antiken Drama. Als wären wir jene, die sie ankleiden wollen. Oder das Stück eines, das uns entblößen soll. Das alles zeigt Schmidt in drei Minuten. Der Bursche hat eine Theaterpranke, kein Zweifel.

Und er setzt sie ein, um genüsslich Wunden in die heile Welt seiner Wohlstandsbürger zu schlagen. Da ist der Gynäkologe Manfred (Steffen Höld), der mit Albert beim Radeln dem wohldosierten Eskapismus frönt. Zu Hause will er alles im Griff haben. Doch seine Frau Anna (versiert durch den Wind: Katja Jung) gibt sich mit dionysischer Wollust ihrer Sinnkrise hin – und dem Nachbarsjungen Thomas (Vincent Glander, nervös), einem von morbiden Fantasien geplagten Teenager, der gerade zarte Bande mit ihrer Tochter Lina (Bettina Kerl) geknüpft hat. Anna geht es auch um Rache, denn ihr Mann hat sie mit Thomas Mutter betrogen – jener Franziska, die nun dem Hausfreund Albert erliegt.

Brutal auf eine Stunde gekürzt

Ein bizarrer Reigen also, nicht wie bei Schnitzler im Kreis, sondern kreuz und quer. Die zahllosen Topoi und Anspielungen müssten eine schwere Bürde sein: die konkurrierenden Lebensprinzipien aus Max Frischs „Homo Faber“ und den „Bakchen“ des Euripides, die Ehekatastrophen von Strindberg und Ibsen, all die Fernsehdramen über Midlife-Crisis und einstürzende Bürgerwelten. Doch Schmidt tritt so kräftig in die Pedale, dass er platten Klischees entkommt – dank eines pointierten, präzisen und lebensnahen Dialogs. Ja, die Bürgersleut', so sind sie halt wirklich.

Schade, dass Regisseur Alexander Charim dem Stück so wenig vertraut. Er kürzt es brutal auf eine Stunde, lässt die Schauspieler durch den Text hecheln, als wären sie auf Speed, und opfert die Psychologie einer ironisierenden Farce. Das Ende – nach Manfreds Radunfalltod dürfen die beiden Jungen einen neuen Anfang wagen – kommt so abrupt, dass das Publikum mit dem Applaus zögert. Es ist der einzig ruhige Moment des Abends. Die „Mountainbiker“ haben sich für ihr Strampeln den Heidelberger Theaterpreis im Vorjahr verdient. In Wien fallen sie, wie Manfred, in den Graben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2008)

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