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Reich-Ranicki: Preis abgelehnt, Sendung gewonnen

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki
(c) EPA (OLIVER BERG)
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Nachdem Reich-Ranicki den „Deutschen Fernsehpreis“ aus Abscheu vor der Qualität des Fernsehens abgelehnt hat, bietet ihm das ZDF eine Kritiksendung.

Ja, so schön kann Fernsehen sein“, resümierte Thomas Gottschalk, nachdem er die Gala zum „Deutschen Fernsehpreis“ – Samstag aufgezeichnet, Sonntag ausgestrahlt – moderiert hatte. „Ist doch ganz klar, dass ein Mensch, der sich lange mit Fernsehen nicht beschäftigt hat, ein bisschen erschrickt, was um ihn herum so alles passiert ist“, sagte er den ZDF-Nachrichten. Gottschalk spricht über den, der den Ehrenpreis des Abends hätte bekommen sollen: Marcel Reich-Ranicki.

Der nahm ihn aber nicht an – angesichts des „erbärmlichen Niveaus fast aller preisgekrönten Darbietungen“: „Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich offen rede“, sagte Reich-Ranicki auf der Bühne, „es hat mir nie Schwierigkeiten gemacht, mich für die vielen Literaturpreise zu bedanken. Aber heute bin ich in einer ganz schlimmen Situation.“ Erste Gäste runzelten die Stirn. „Ich möchte niemanden kränken, niemand beleidigen oder verletzen – aber ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an.“ Er habe nicht gewusst, was hier auf ihn warten würde, was er hier erleben würde, so der Literaturkritiker, der für sein „Literarisches Quartett“ und Lebenswerk geehrt hätte werden sollen. Reaktion des Publikums: verhaltenes Lachen.

Rudi Carrell († 2006) hat sich für den gleichen Preis, den Reich-Ranicki nun ablehnte, vor fünf Jahren auf Knien bedankt. Doch hatte der auch ein Lebenswerk im Fernsehen vorzuweisen und musste sich von dem ihn umgebenden „Blödsinn“ (Reich-Ranicki) nicht beirren lassen. Denn: Wenngleich der „Deutsche Fernsehpreis“ von ARD, ZDF, RTL und Sat1 einer der beiden bedeutendsten in Deutschland ist – einem Beobachter ist klar, dass dieser eher Quotenstarkes auszeichnet, im Gegensatz zum ungleich renommierteren Adolf-Grimme-Preis, der die Qualität von Produktionen als Maß nimmt. So wurden Samstag „Deutschland sucht den Superstar“ als beste Show, „Doctor's Diary“ als „Beste deutsche Serie“ ausgezeichnet.

 

Reich-Ranicki wollte schon gehen

Tatsächlich hatte Reich-Ranicki, schon bevor er auf die Bühne getreten war, das Programm umgeworfen: Ob der Längen und Länge der Show – etwa dreieinhalb Stunden dauerte die Aufzeichnung – hatte er gedroht, den Saal zu verlassen, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Montag. ZDF-Intendant Markus Schächter habe daraufhin Hilfe bei Moderator Gottschalk gesucht, der rasch den Ehrenpreisträger vorzog. Von der spontanen Absage Reich-Ranickis hatte keiner eine Ahnung. Gottschalk versuchte, die Situation mit einem spontanen Angebot zu retten: Er dürfe die TV-Qualität in einer ARD- oder ZDF-Sendung kritisieren. Versöhnlich bat Reich-Ranicki ihm schließlich an: „Mein Lieber, sagen wir uns du ab heute.“

„Dann wurde er herausgeführt aus der Hölle dieser Halle, und der Moderator sagte, nun wörtlich: ,So, jetzt sind wir wieder unter uns und können weitermachen‘“, echauffierte sich Autorin und ZDF-Moderatorin Elke Heidenreich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ): „Klar. Der Kritiker, der Spielverderber ist weg, nun ziehen wir unsere hirnlose Scheiße durch bis zum Schluss. Wo waren die Programmdirektoren und Intendanten in diesem Augenblick, warum kam keiner von ihnen auf die Bühne, um etwas zu sagen?“, fragt sie und schimpft auf die „verknöcherten Bürokarrieristen“.

Davor sah man eine weinerliche Veronica Ferres – geehrt für ihre Rolle der „Frau vom Checkpoint Charlie“ – auf der Bühne, oder auch die beiden Fernsehrichter Barbara Salesch und Alexander Hold. Von den beiden Fernsehköchen Johann Lafer und Horst Lichter, die schlecht scherzend vorbereitete Gerichte auf die Bühne brachten, erfährt man nur aus der FAZ: Deren Auftritt wurden Sonntag aus der Show geschnitten.

 

„Wir räumen der Kritik Raum ein“

Gottschalks nachträgliche Behauptung, Reich-Ranicki hätte sich „lange mit Fernsehen nicht beschäftigt“, ist nicht nachvollziehbar: Noch auf der ZDF-Bühne lobte er arte; auch 3sat sei früher gut gewesen. Vom Publikum bekam er dafür Applaus.

Und vom ZDF eine Sendung: „Aus gegebenem Anlass: Reich-Ranicki im Gespräch mit Gottschalk“ soll Freitag zu sehen sein (22.30h). ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut: „Wir sind offen für Kritik und räumen ihr gerne Raum ein.“ Die wird nun allerdings, so Gottschalk, vorab aufgezeichnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2008)