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Archäologie/Anthropologie: Durch die Wüste

(c) AP (JOHN MOORE)
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Als der Homo sapiens von Ostafrika aus nach Norden zog, führte ihn sein Weg vermutlich an Flüssen entlang, die damals die Sahara querten.

Vor etwa 150.000 Jahren entstand der Homo sapiens in Ostafrika, vor etwa 120.000 Jahren tauchte er an der Ostküste des Mittelmeers auf, in der Levante (und siedelte dort neben Erben einer früheren Wanderung, Neandertalern, dann zog er sich vor 90.000 Jahren aus unbekannten Gründen vorläufig wieder zurück). Wie kam er hin, auf welcher Route? Die auf heutigen Karten in die Augen springt, führt den Nil entlang. Aber die dort hinterlassenen Steinwerkzeuge stammen – von der Machart – aus einer späteren Zeit.

Passende Geräte fanden sich stattdessen verstreut in der heute größten Wüste der Erde, der Sahara. Die war nicht immer Wüste, sie hat (mindestens) zweimal entscheidend zu unserer Geschichte beigetragen, einmal ganz zu Beginn: Der älteste bekannte Ahn lebte vor sieben Millionen Jahren im heutigen Tschad – Sahelanthropus tchadensis –, er konnte aufrecht gehen, zumindest temporär. Heute ist dort Wüste, sie kam und ging, am besten erforscht ist das letzte Ergrünen: Vor 10.500 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, rückten die Passatwinde mit ihren Regenwolken um 800 Kilometer nach Norden. Die Menschen folgten, erst als Jäger und Sammler, später entwickelten sie die ganz eigene afrikanische Agrikultur von Hirten, die ihren Herden hinterherzogen (ein völlig anderes Muster der neolithischen Revolution als im Nahen Osten, wo die Bauern sesshaft wurden). Vor 7300 Jahren schlug das Klimapendel zurück, es wurde staubtrocken, die Hirten wichen aus, manche zogen nach Süden, manche nach Osten, in das Niltal, das zuvor unbewohnbarer Sumpf war (Science, 313, S.803).

So haben wir der Sahara zweimal zu danken – sie ist eine Wurzel des Menschen und eine seiner Hochkulturen –, nun wohl auch ein drittes Mal: Die Wanderung des Homo sapiens nach Norden könnte mitten durch sie hindurchgeführt haben, entlang von Flüssen, deren Betten sich heute nur noch aus großer Entfernung zeigen, den Kameras der Satelliten. Früher einmal transportierten sie Wasser von Süden her quer durch Libyen. Darauf deutet zweierlei, zunächst die Geschichte des Mittelmeers, sie ist in Foraminifera archiviert, das sind schalentragende Einzeller im Meer, in deren Schalen – beziehungsweise deren Sauerstoffisotopen – man etwas über das Wasser lesen kann: Vor 124.000 bis 119.000 Jahren gab es im östlichen Mittelmeer eine 18O-Anomalie, sie deutet darauf hin, dass plötzlich viel Süßwasser ins Meer kam.

 

Von Vulkanbergen zum Mittelmeer

Aber sie kann auch von ganz anderen Ursachen herrühren, deshalb hat eine Gruppe um Anne Osborne (Bristol) ein zweites Archiv erschlossen, das von Samarium und Neodym, beide sind „seltene Erden“. Auch sie sind in Foraminifera eingelagert, ihr Verhältnis zeigt, ob das Wasser über frisch gebildete Erdkruste ins Meer kam oder über alte. Das, das durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer fließt, kam über alte Gesteine – die der Flüsse in den Atlantik –, aber das in der östlichen Ägäis kam, wieder vor etwa 120.000 Jahren, durch frisch durchströmte Flusstäler. Davon haben die Forscher nun Spuren in der westlichen Ägäis gefunden.

Früher fanden sie schon welche in der östlichen Ägäis und rechneten die dem Nil zu, aber damit lässt sich der jetzige Befund nicht erklären: Zum einen sind die Werte im Westen höher, zum anderen strömt das Mittelmeer an der afrikanischen Küste heute von Westen nach Osten, aller Wahrscheinlichkeit nach tat es das damals auch.

Das legt den Verdacht nahe, dass Flüsse aus einer Vulkanregion am Südrand der Sahara ins Mittelmeer entwässerten. Auch davon gibt es Spuren, von Wasserschnecken, die im Süßwasser lebten und seit 120.000 Jahren in der Wüste begraben sind: Auch in ihren Schalen ist das Neodym-Muster eingelagert – und zusätzlich ein Muster, das aus ihrem vulkanischen Quellgebiet stammt.

Sie zu finden, war nicht leicht, die ehemaligen Flüsse sind am Erdboden schwer auszumachen, die Satellitenbilder halfen: „Unsere Daten zeigen eine ununterbrochene Flussverbindung vor 120.000 Jahren von der südlichen Sahara zum Mittelmeer“, erklären die Forscher und schließen daraus, dass das die damaligen Menschen auch merkten und flussabwärts zogen. „Man kann unsere Hypothese gut testen“, bieten die Forscher an: Man müsste nur an den Ufern der damaligen Flüsse gezielt nach Wanderungsspuren graben (Pnas, 13.10.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2008)