Harald Serafin: Meine Karriere fängt jetzt an!

Harald Serafin und Peter Weck
Harald Serafin und Peter Weck(c) APA (HANS KLAUS TECHT)
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Gespräch über ein Trauma, Michael Maertens als Operettenstar in Mörbisch – und über „Sonny Boys“ mit Peter Weck ab Freitag im Volkstheater.

Die Presse:Sie und Peter Weck sind seit vielen Jahren befreundet. Ab Freitag spielen Sie mit ihm nun im Volkstheater in Neil Simons „Sonny Boys“ zwei alte Comedians, die sich hassen und anfeinden. Wie funktioniert das?

Harald Serafin: Ja, es ist nicht leicht, weil wir uns seit 30 Jahren sehr gut verstehen. Ich mag ihn. Unsere Frauen kennen sich sehr gut. Und jetzt muss ich aufdrehen und ihn dauernd angreifen, ihm Kontra geben. Ich spucke ihm ins Gesicht. Das ist messerscharf. Wir wollten nicht so eine Komödie mit Schenkelklopfen machen. Das Stück hat eine ernste Dramatik bei uns. Aber der Weck ist noch böser als ich. Er ist ja ein Könner, er braucht sich nichts mehr beweisen. Er hat sein ganzes Leben lang gespielt.

Mich wundert, dass sich Peter Weck auf das eingelassen hat. Es ist doch anstrengend und ein ziemliches Risiko, nach all den Jahren wieder in Wien auf der Bühne zu stehen.

Serafin: Er hat fast ein Drittel mehr Text als ich. Er macht das unglaublich toll. Ich lausche ihm. Er war ja am Burgtheater, von dort wurde er zum Film engagiert.

Die „Sonny Boys“ werden in Wien alle zehn Jahre gespielt: Von Helmuth Lohner und Otto Schenk 1999 und von Karl Merkatz und Siegfried Lowitz 1988, beide Aufführungen waren in den Kammerspielen. Das Stück ist nicht mehr taufrisch. Was macht seinen Reiz aus?

Serafin: Es zeigt, wie sich eine Partnerschaft in der Ehe oder im Beruf zum Hass entwickeln kann. Trotzdem müssen die beiden zusammenbleiben, in diesem Fall, weil sie ihren erfolgreichen Sketch noch einmal aufführen sollen. Sie sind völlig konträre Typen. Also versucht jeder, etwas zu finden, mit dem er dem anderen wehtun kann.

Sie sind seit 16 Jahren Intendant der Mörbischer Festspiele, die 2009 „My Fair Lady“ spielen. Können Sie etwas zur Besetzung sagen?

Serafin: Michael Maertens wird den Professor Higgins spielen.

Und Mavie Hörbiger das Blumenmädchen Eliza? Können die denn singen, die zwei?

Serafin: Nicht Mavie Hörbiger. Ich hätte sie sofort genommen, wenn sie singen könnte. Die Eliza muss singen können. Maertens kann sehr nett singen, Schlager und so. Beim Higgins gibt es viel Sprechgesang. Gabriele Jacoby, die Ende der Sechzigerjahre im Theater an der Wien die Eliza spielte, wird in Mörbisch Higgins' Mutter sein.

„My Fair Lady“ ist auch so ein unverwüstlicher Hadern wie „Sonny Boys“...

Serafin: Für Mörbisch sind schon 135.000 Karten verkauft. Dabei war die Besetzung bis jetzt nicht bekannt. Ich trete ja jeden Tag dort auf, 30 Mal, und begrüße das Publikum. Sonst schreiben die Besucher gleich Briefe: „Wir haben den Preis inklusive Begrüßung durch den Intendanten bezahlt!“ Also jedenfalls, ich frage da immer: „Meine Damen und Herren, was halten Sie davon, wenn wir ,My Fair Lady‘ spielen?“ Da schrien sie und johlten – jeden Abend! So habe ich auch „Zarewitsch“ getestet, 6000 Menschen haben applaudiert bei diesem Vorschlag. Also mache ich das. Das ist Marketing.

Sie haben vorgeschlagen, Christoph Wagner-Trenkwitz zu Ihrem Nachfolger zu machen, der früher Chefdramaturg in der Staatsoper war und jetzt an der Volksoper künstlerischer Koordinator ist, außerdem ein Gestalter niveauvoller bunter Abende und Moderator des Opernballs, kurzum ein unterhaltsamer Mensch. Alfons Haider hingegen schlossen Sie als Ihren Nachfolger aus. Warum?

Serafin: Mein Vertrag in Mörbisch läuft bis 2012. Der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl hat gesagt: „Harald, ich bitte dich, lass das und nenne keine Namen mehr. Solange du kannst und willst, bitte ich dich, Intendant zu sein.“

Wenn eine Fee käme und sagen würde, Sie haben drei Wünsche frei, würden Sie sich Ihre Stimme und den Danilo zurückwünschen?

Serafin: Auf keinen Fall! Ich möchte nicht mehr singen, nur mehr diese einfachen, komischen Rollen, die die Leute zum Lachen bringen. Ich komme von der Oper – und dann plötzlich „Die Fledermaus“ und „Die lustige Witwe“. Nur mehr das machen, bitte! So hieß es. Und ich bekam keine Oper mehr zu singen, stattdessen 1700-mal Danilo und 700- oder 800-mal „Fledermaus“. Stellen Sie sich vor, ich würde jetzt noch an der Volksoper singen und um eine Rolle bitten und tremolieren. Und Mörbisch hätte vielleicht ein anderer bekommen. Schrecklich!

Also keine Wünsche an die Fee?

Serafin: Doch. Gesundheit. Außerdem möchte ich weiterhin Glück in Mörbisch haben – und vielleicht wieder ein neues Stück machen oder einen Film oder Fernsehen. Ich weiß, das kommt. Meine Karriere fängt jetzt erst an. Sie lachen, aber das stimmt.

Finden Sie, dass die Volksoper unter Robert Meyer einen guten Weg genommen hat? Sie waren ja auch als Direktor im Gespräch.

Serafin: Der Meyer hat ein lustiges Gesicht, er ist bekannt, beliebt, komisch und aktiv. Er lebt ja eigentlich in der Volksoper. Er hat das schön im Griff, auch wenn er jetzt Pech gehabt hat mit „Tosca“. Was er braucht, ist einen guten Kapellmeister. Das kommt noch.

Wie geht es Ihrem Buch?

Serafin: Ich mache es im Frühjahr. Ich habe keine Zeit. Es ist auch sehr belastend. Ich war 15, als wir vor den Russen fliehen mussten – meine Mutter, die Omi, meine Schwester und ich. Mit dem Schiff sind wir in Danzig gelandet. Ich weiß fast gar nichts mehr. Ich habe nachts geschrien. Ein Nervenarzt hat mir Tabletten verschrieben gegen die Depressionen wegen der Flucht. Diese Pillen haben mich verblödet, also habe ich sie nicht genommen. Dann kam ich zum Kirchenchor, und mein Zustand wurde besser. Ich konnte schreien und singen. Ich brauche den Gesang und den Schrei. Bis heute ist es so, wenn ich Ärger habe, wenn ich Freude habe, wenn ich glücklich bin, singe ich. Das ist ein Ventil für Erlebtes, das nicht verarbeitet wurde. Ich weine, es ist schwer, über solche Erlebnisse hinwegzukommen.

PERSONEN & TERMINE

Peter Weck (78), lernte am Reinhardt Seminar, drehte unzählige TV-Serien. 1983-1992 Musical-Intendant von Wien (Theater an der Wien, Raimundtheater)

Harald Serafin (77), weltweit bekannt als „Danilo“ in der „Lustigen Witwe“, 1989 Abschied von der Bühne, seit 1992 Intendant der Seefestspiele Mörbisch.

Volkstheater: 17., 18., 19., 21., 28. Oktober ? 521 11-400/422

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2008)

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