Das Theater an der Wien macht Christoph Willibald Glucks „Reformoper“ zu einem szenisch-musikalisch atemberaubenden Erlebnis.
Wie aktuell ist Oper des 18.Jahrhunderts? Christoph Willibald Glucks „Orpheus“ – auch wenn es sich dabei um ein sogenanntes „Reformwerk“ handelt, das seinerzeit für heftige Diskussionen sorgte – gehört nicht zu den Dauerbrennern im internationalen Repertoire. Die Reihe der kanonisierten Stücke beginnt erst mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Gluck bleibt wie seine „Vorgänger“ von Monteverdi bis Händel auf die Festivals für Spezialisten reduziert. Im Theater an der Wien freilich will man der vormozartischen Oper nun eine Heimstätte geben.
Wenn Aufführungen so gelingen wie die „Orpheus“-Premiere am vergangenen Dienstag, dann darf man diesem ehrgeizigen Vorhaben eine Chance geben. Stephen Lawless hat es geschafft, ein Stück Operngeschichte in ein spannendes Vexierspiel zu verwandeln, in dem uns der antike Mythos dank multipler Querbezüge durch Zeit und Raum naherückt.
Wienerische Kulturgeschichte
Die Bühnenbilder von Benoit Dugardyn reflektieren wienerische Kulturgeschichte. Immerhin hat Glucks Oper anno 1762 im alten Burgtheater ihre Uraufführung erlebt – und damals das Publikum, an barocke Formen- und Theaterpracht gewöhnt, mit karger, aufs Wesentliche konzentrierter Erzählung einer Geschichte geradezu schockiert. So unmittelbar, so direkt, so schonungslos war man zuvor von der Bühne her noch nie „angeredet“ worden. Gluck und sein Dichter Ranieri de'Calzabigi führen uns leibhaftige Menschen vor – und Lawless setzt die Assoziationskette bis ins Heute fort. Quer durch die Wiener Zeiten wandert dieser mythische Sänger und landet direkt unter den Kronleuchtern des Goldenen Musikvereinssaals. Eurydike erscheint zwischen den Karyatiden und ein flinker, durchaus zynischer Gott Amor fungiert als Spielmacher: Sunhae Im leiht ihm einen beweglichen, auch in der Tiefe ausdrucksstarken Sopran, erinnert halb an Mozarts Despina, halb an Verdis Pagen Oscar. Der Kuss dieses Liebesgottes ist tödlich: Eurydike schwebt von ihrer Hochzeitsfeier direkt in den Hades.
Den schichtet der Bühnenbildner aus Instrumentenkoffern in großer Zahl: Dass auf den Logenbrüstungen nicht nur die Namen des komponierenden Ritters Christoph und seiner Zeitgenossen, sondern auch die von Gustav Mahler und Richard Strauss zu lesen sind, verweist auf Glucks Erben und deren gigantomanische Instrumentalbesetzungen. Die Geschichte geht weiter – René Jacobs und sein virtuoses Freiburger Barockorchester lassen es ahnen. Den Geigen, Harfen und Schalmeien entlocken die Musikanten je nach dramatischer Situation auch schräge, fahle, kratzende Töne. Dann wieder zwitschert und gurgelt es im Elysium, dass der Hörer gewahr wird, woher Beethoven das naturalistische Gemurmel in der „Szene am Bach“ seiner „Pastorale“ genommen hat.
Dem prächtig differenzierten orchestralen Bilderbogen fügt sich der glänzend disponierte und auch spielerisch höchst aktive Schönberg-Chor ebenso kongenial ein wie die Solisten, allen voran der phänomenale Countertenor Bejun Mehta, der fern von der seinem Metier sonst eignen Unnatürlichkeit gemütvolle, bewegende Klage- und Freudentöne hörbar machen kann, und der, stilistisch perfekt geschult, auch weiß, wie man melodische Wiederholungen durch kunstvollen, doch nicht barock wuchernden Ziergesang lebendig macht.
Bilder und Gegenbilder zur Katastrophe
Miah Persson, die bildschöne Angebetete des ebenso feschen Orpheus, steht ihrem Retter mit blühendem Sopran zur Seite – und verwandelt das Schlussballett mit ihm in ein spannendes, weil auf heftige Konflikte zusteuerndes Tableau; ein Gegenbild zum bis zur Besinnungslosigkeit berauschenden Nirvana des Elysiums, dem man gerade mit Müh und Not entrann, aber auch Verweis auf die Spannung zwischen den Geschlechtern, die zur zweiten Katastrophe der Handlung führte (Choreografie: Lynne Hockney).
Die Errettung durch den Deus ex machina erhält damit höchste Intensität: Die Bilder laufen im Rückwärtsgang noch einmal ab. Die Hochzeit, eingangs so rüde unterbrochen, darf doch stattfinden. Wie lang wird das Glück währen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2008)