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Zweiter Weltkrieg: Woran Österreichs "Umerziehung" scheiterte

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SymbolbildAPA
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Die USA fertigten mehrere Konzepte für den Umgang mit den "pervertierten" Österreichern an, so Historiker Stifter. Doch das Experiment scheiterte.

Schon als die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs noch tobten, überlegte man in den Vereinigten Staaten, wie nach Kriegsende mit der "pervertierten" Gesellschaft in Österreich und Deutschland umzugehen sei. Es waren ausgeklügelte Umerziehungs-Konzepte, die in den Schubladen auf ihre Umsetzung warteten, berichtet der Historiker Christian Stifter, dessen Buch "Zwischen geistiger Erneuerung und Restauration" am Donnerstag präsentiert wird. Konkret habe man "ein historisch einzigartiges Experiment“ versucht. So ging es erstmals darum, "eine militärische Kapitulation mit groß angelegten erzieherischen und sozialpsychologischen Programmen Hand in Hand".

In den USA sei die Ideologie der Nationalsozialisten als Angriff auf die westliche Zivilisation schlechthin gewertet worden, so Stifter. Deshalb feilten sowohl Zivilbehörden als auch militärische Einrichtungen bereits während der Kriegsjahre unter dem Motto "Education for Victory" an Konzepten, "mit denen nicht nur der Krieg, sondern auch der Frieden zu gewinnen" sei, so der Autor, der auch Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs ist. Kernpunkt des demokratischen Wiederaufbaus und damit all der Umerziehungsüberlegungen war aus seiner Sicht die "umfassende Entnazifizierung und Demilitarisierung Österreichs".

Keine gemeinsame Agenda

Man wollte etwa mit der Bereinigung von Bibliotheken, Unterrichtsmaterial oder Lehrpersonal eine "Rekulturalisierung" erreichen. Die zunehmende wirtschaftliche Stabilisierung und die amerikanische Populärkultur sollten dann den demokratischen Neubeginn besiegeln. Allerdings fehlte eine gemeinsame "klare Agenda". Zudem gab es Konflikte über die Zuständigkeit zwischen zivilen und militärischen Behörden. In der Umsetzung der Umerziehung scheiterte man - Stifter nennt als Beispiel die heimischen Universitäten - bereits bei der Entnazifizierung.

Denn der Umgangston zwischen den amerikanischen Behörden und den mit dem "Clearing" der Unis und des öffentlichen Diensts beauftragten Sonderkommissionen war freundschaftlich. "Man versuchte, sich gegenseitig nicht auf den Schlips zu treten", erklärte Stifter. Tendenziell seien eher Diensttauglichkeitsbescheide ausgestellt, statt tief gehende Überprüfungen durchgeführt worden. Die Listen mit hunderten an der Rückkehr interessierten Exilanten, die sowohl die USA als auch Großbritannien dem österreichischen Unterrichtsministerium übergab, blieben weitgehend unbeachtet. "Rückholaktionen gab es keine", so der Historiker.

Kalter Krieg bremste Interesse an Entnazifizierung

Auch der erstarkende Kalte Krieg bremste das Interesse der Vereinigten Staaten an einer grundlegenden Entnazifizierung: Plötzlich sei es wichtiger geworden, politische Westintegration und anti-kommunistische Propaganda zu betreiben, als weiter an der geistigen Reorientierung zu arbeiten. "Das große Bildungsexperiment wurde völlig über Bord geworfen, der geplante Elitentausch mündete in eine schleichende Elitenrestauration", schilderte Stifter.

Binnen weniger Jahre kehrte ein großer Teil des belasteten wissenschaftlichen Personals an die Unis zurück. "Die Chance eines Neubeginns auf diesem aus demokratiepolitischer Perspektive 'ground zero' wurde nicht ergriffen", meinte Stifter. Stattdessen begab man sich mit dem geistigen Rückbruch in die Zeit der Dollfuß/Schuschnigg-Ära auf den Weg einer "geistigen Stagnation", der Österreichs akademischer Landschaft auf Jahrzehnte schaden sollte.

(APA)