Eine Band, die nicht einmal eine Band ist. Aber großartig: Animal Collective waren in Wien.
Keine zornigen jungen Männer hier. Keine Aggression, keine Auflehnung. Kein Rock. Auch nicht Post-Rock, das ist ja meist nur die Prolongierung von Rock mit Mitteln der Langeweile. Animal Collective aus Baltimore sind nicht einmal eine Band, zumindest führen sie sich nicht so auf. Für den Überlebenden aus der Rock-'n'-Roll-Ära wirken sie verspielt, irgendwie kindlich, bei aller Wildheit seltsam sanft. Die Kraft ihrer Musik – und die ist ziemlich kräftig! – ist sozusagen gewaltfrei: Die Musiker sind genauso überwältigt von dem Sturm, der da in sie fährt, wie das Publikum.
Ein Naturerlebnis: Vielen Begeisterten in der Wiener Arena fiel wohl das abgenutzte Wort „Schamanen“ ein. Diesen Musikern geht es nicht um Ausdruck (ihrer selbst), sondern um Beschwörung. Einer Außenwelt, die voller Geister ist. Da quietscht und raschelt, wispert und heult immer etwas, und ab und zu bleibt im Gestrüpp der Rhythmen ein schrecklicher Schrei hängen. Dann schaut man den wild tanzenden Sänger – der sich Avey Tare nennt, laut offizieller Begründung, weil er seinen eigentlichen Namen Davey zerrissen habe, ja, so sprechen diese jungen Männer – erstaunt an: Was ist denn jetzt in ihn gefahren?
Erdbeerfelder für immer und ewig
Dieses Animal Collective ist einzigartig, keine Frage. Aber natürlich ist es nicht das erste Musikkollektiv des Pop (im weitesten Sinn), das auf die Posen des Rock (im weitesten Sinn) verzichtet und sich lieber kollektiv in Besinnungslosigkeit steigert. „Psychedelic“ nannte man das um 1966 (und seither immer wieder): Tatsächlich erinnern Animal Collective vor allem an die europäischen Provinzen des Landes Psychedelphia, in denen ja – im Gegensatz zur US-Zentrale – der Blues bestenfalls eine Nebenrolle spielte.
Zermanschte und verfärbte Erdbeeren zieren das Cover des letzten Animal-Collective-Albums „Strawberry Jam“: Das Bad in Gelee, in Marmelade war eine Obsession des psychedelischen London um 1967, aus dem z.B. die erste Pink-Floyd-Platte auf uns gekommen ist. Das war ein Album, Animal Collective haben deren neun gemacht, und live spielen sie ihre Stücke – wer wagt es, Songs zu sagen? – erst recht anders, noch intensiver, noch packender, durchzuckt von grellen Lichtern. Ein Abend als Entdeckungsreise.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2008)