WFP: „Agrar- und Biospritsubventionen abschaffen“

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Der Preisschock könnte eine Chance für Entwicklungs-länder sein, sagt Ralf Südhoff vom World Food Program.

Die Presse: Die derzeit tobende Finanzkrise zieht auch die Preise für verschiedenste Rohstoffe wieder nach unten. Welche Auswirkung hat das auf die Nahrungsmittelpreise?

Ralf Südhoff: Bei manchen Nahrungsmitteln gibt es eine Relativierung. Das hängt sicherlich auch mit dem Rückgang der Spekulation zusammen. Zudem gibt es derzeit zum Beispiel gute Weizen- und Reisernten. Allerdings haben sich die Nahrungsmittelpreise in den vergangenen 18 Monaten zwischenzeitlich um drei- bis vierhundert Prozent erhöht und im Schnitt liegen sie jetzt noch um 50 Prozent höher als vor einem Jahr, als die Krise bereits begonnen hatte. Das heißt, wir haben jetzt nicht mehr unglaublich hohe Nahrungsmittelpreise, sie sind aber immer noch sehr hoch.

Ein wenig ist die Situation der Hungernden durch diesen Zusammenbruch aber schon verbessert worden.

Südhoff: Ja, wobei es oft dauert, bis die Weltmarktpreise sich auf lokale Preise auswirken. Zudem gibt es die Furcht, dass durch die außergewöhnliche Belastung der staatlichen Haushalte durch die Finanzkrise jetzt die Unterstützung für Hilfsprogramme wie das World Food Program reduziert werden. Wir hoffen aber, dass so ein absurder Schritt ausbleibt – allein vom US-Rettungspaket für den Finanzsektor könnte die Arbeit von WFP mehr als die nächsten 100 Jahre finanziert werden.

Wer war Ihrer Meinung nach hauptverantwortlich für den Höhenflug der Nahrungsmittelpreise? Wie groß war der Einfluss von Spekulationen oder jener der Hersteller von Biotreibstoff?

Südhoff: Für den Anteil der Spekulationen gibt es eigentlich keine seriösen Schätzungen. Sicher ist aber, dass diese einen erheblichen Anteil an dem Preisanstieg hatten. Auch beim Anteil der Biotreibstoffe gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Eine Weltbankstudie geht von einem Anteil von 75 Prozent aus. Dies basiert auf der Annahme, dass auch Preissteigerungen bei Reis – der für Biotreibstoffe nicht verwendet wird – mit ebendiesen in Verbindung stehen. So wird argumentiert, dass die asiatischen Regierungen Exportbeschränkungen für Reis nur deshalb verhängt haben, weil sie die Preissteigerungen bei Weizen und Mais mit Sorge gesehen haben. Und Letztere werden in der Studie eindeutig auf den Biospritausbau zurückgeführt. Jeder muss selbst entscheiden, ob er diese Argumentationskette für realistisch hält. Das International Food Policy Research Institute, das wir für ein sehr renommiertes Institut halten, geht von einem Anteil von 20 bis 30 Prozent aus.

Und die anderen Gründe?

Südhoff: Zusätzlich gibt es die strukturellen Ursachen: Der Klimawandel ließ immer öfter Ernten ausfallen, die globale Bevölkerung wächst und die erhöhten Energiekosten machen die Produktion teurer. Ein Viertel der Mehrkosten des WFP geht direkt auf das Konto der gesteigerten Energiekosten.

Was halten Sie grundsätzlich davon, dass Nahrungsmittel im Autotank landen?

Südhoff: Biosprit ist nicht per se gut oder böse. Er kann eine Chance sein, beispielsweise auch für Kleinbauern, weil er ihnen neue Marktchancen eröffnet. Und er kann auch dafür sorgen, dass die Nahrungsmittelproduktion in den von Hunger betroffenen Ländern endlich ausgebaut wird. Allerdings muss die Biospritproduktion so aufgestellt werden, dass sie integrativ und nachhaltig ist. Also, dass die Kleinbauern in das System eingebunden werden. Außerdem kann es den Entwicklungsländern helfen, unabhängiger von Energieimporten zu werden, was ökonomisch sehr sinnvoll wäre. Derzeit haben Biotreibstoffe halt das Pech, dass sie in einer Zeit auf dem Markt nachgefragt werden, in der die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse vorbei ist. Dies hat aber andere Gründe, wie das Bevölkerungswachstum oder mehr Fleischkonsum. Für Biotreibstoffe werden derzeit fünf Prozent der globalen Agrarproduktion verwendet.

Gibt es positive Beispiele? Man hört ja aus Entwicklungsländern immer nur die negativen Nachrichten.

Südhoff: Die brasilianische Regierung hält sich zugute, dass dort in der Biospritproduktion 200.000 Kleinbauern ganz gezielt in eine nachhaltige Produktion integriert worden seien. Allerdings muss man das Gesamtbild im Blick behalten. Kommt es durch den Anbau für Biosprit beispielsweise zu einer Verdrängung von anderem Anbau?

Ein anderes Problem ist ja, dass in den Entwicklungsländern die Agrarimporte aus Europa und den USA ausbleiben, da hierzulande daraus Biosprit gewonnen wird. Wie beispielsweise in Mexiko.

Südhoff: In Mexiko war die eigene Nahrungsmittelproduktion laut Fachleuten durch subventionierte Exporte aus den USA quasi zum Erliegen gekommen. Dann ist es natürlich das Schlechteste, wenn diese Exporte plötzlich auch nicht mehr kommen. Langfristig ist das aber natürlich eine Chance, da die mexikanische Landwirtschaft den Mais nun wieder selbst anbauen kann, ohne dass dieser von den subventionierten US-Exporten verdrängt wird. Kurzfristig ist diese Krise für viele jedoch eine Katastrophe. Fast alle Entwicklungsländer Afrikas sind ja von Nahrungsmittelimporten abhängig. Daher wurden sie von dem Preisboom jetzt auch so hart getroffen.

Ist es möglich, ein System zu entwickeln, mit dem man sicherstellen kann, dass Biotreibstoffe in einem tausende Kilometer entfernten Land nachhaltig produziert werden?

Südhoff: Das ist grundsätzlich nicht undenkbar. Aber man geht davon aus, dass es Jahrzehnte dauern würde, ein globales Regelwerk zu etablieren. Deshalb halten Kritiker es zum Beispiel für kaum möglich, die geplanten hohen Beimischungsquoten der EU (bis zu zehn Prozent der Treibstoffe sollen aus Biosprit bestehen, Anm.) so schnell mit zertifiziertem Biosprit zu erfüllen. Das Grundproblem ist: Man darf sich nicht nur das Feld ansehen, auf dem der Biotreibstoff produziert wird, man muss sich die gesamte Kette ansehen. Wohin wird mit anderen Produktionen ausgewichen und so weiter.

Sollte man die Quoten generell abschaffen, damit der Druck weg ist?

Südhoff: Unsere UN-Schwesterorganisation FAO hat gerade eine umfassende Studie zur Biospritpolitik veröffentlicht und eine klare Wende gefordert – zugunsten eines Ausbaus, der auch den Entwicklungsländern hilft. Dafür fordert die FAO, die Agrar- und Biospritsubventionen in den Ländern des Nordens abzuschaffen. Zudem würden Beimischungsquoten und Steueranreize künstlich eine so schnelle Biospritexpansion bewirken, dass diese mit großen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten einhergeht.

Die komplette Abschaffung der Subventionen würde bedeuten, dass Biosprit jetzt aus dem Markt fliegt.

Südhoff: Das kommt auf den Ölpreis an. Fast immer wettbewerbsfähig ist zum Beispiel brasilianisches Ethanol – zu Marktpreisen.

Das heißt, man sollte die hiesigen Subventionen und die Zölle auf außereuropäischen Biosprit abschaffen?

Südhoff: Das ist die FAO-Forderung für die Staaten des Nordens. Gleichzeitig ist damit aber nicht gesichert, dass der Biotreibstoff sozial und ökologisch hergestellt wird. Ein fairer Handel mit sozial und ökologisch nachhaltigen Biotreibstoffen, von denen Kleinbauern profitieren und so auch ihr Angebot an Nahrungsmitteln erhöhen können, wäre der goldene Weg. Es ist aber auch ein sehr weiter, den man nur langsam beschreiten kann.

ZUR PERSON

Ralf Südhoff ist Sprecher des World Food Programs für Deutschland und Österreich. Davor war das Gründungsmitglied der „FTD“ mehrere Jahre bei der UN-Gesundheitsorganisation WHO.

Das World Food Program ist die größte Hilfsorganisation der Welt. Die UN-Tochter ist in rund 80 Ländern tätig und ernährt 78 Millionen Menschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2008)

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