Der Reich-Ranicki, die Löffler und der Karasek: Das war Fernsehen im Gottschalk-Format!
Natürlich werde ich mir heute die Live-Übertragung des ORF aus Klagenfurt anschauen. Wahrscheinlich hätte das „Staatsbegräbnis“ des so rasant zu Tode gekommenen Landeshauptmannes Jörg Haider sogar gute Chancen, im nächsten Jahr den Deutschen Fernsehpreis zu gewinnen, läge Kärnten in Deutschland. Denn das öffentliche Zurschaustellen von Gefühlen gehört zu den edelsten Aufgaben des staatlichen Rundfunks. Und nichts ist für Sentiment so anfällig wie das Kärntner Herz. Bundespräsident Heinz Fischer wird sich bei seiner dienstlichen Trauerarbeit für einen ganz privaten Tod anstrengen müssen, wenn er den hohen Erwartungen entsprechen will.
Fernsehen ist in seinen besten Momenten pure Emotion. Wer hat denn nicht geweint, als Lady Di vor elf Jahren in Paris zerschellte und die TV-Stationen praktisch wochenlang live darüber berichteten bis übers Grab hinaus? Im Fernsehen schaut man sich fasziniert und mit Schaudern an, wie der Jumbo in einen Twin-Tower rast, oder man hört voller Empathie, dass der Heinz Prüller „Um Gottes willen!“ brüllt, wenn ein Bolide in die Mauer rast, und denkt sich: „Siehst du, da warst du jetzt auch dabei!“ TV ist das ideale Medium für Spanner und Spießer, in einem Dorf voller Tratsch.
Deshalb kann ich nicht so recht nachvollziehen, warum der Fernsehstar Marcel Reich-Ranicki, der jahrelang eine Literatur-Comedy moderiert hatte, so gnadenlos mit dem Sender umgeht, der ihm einst geistige Heimat war. Bei der ZDF-Gala zum Deutschen Fernsehpreis geißelte er am Sonntag den „Blödsinn“, der da prämiert wurde, und schlug die eigene Ehrung aus. Moderator Thomas Gottschalk lud ihn daraufhin an diesem Freitag zum Streitgespräch. Die Fronten blieben verhärtet.
Das müsste nicht sein. Schon wieder werde ich sentimental. Längst habe ich vergessen, welche Bestseller der Alte und seine Eleven im „Literarischen Quartett“ 1988–2001 besprachen, aber den erhobenen Zeigefinger sehe ich klar vor mir, das „Grrrrässsslich!!!!“ und das beleidigte Einschnappen der Löffler, während der Karasek immer den gutmütigen Toren spielte. Das war Fernsehen im Gottschalk-Format!
TV ist für uns einfache Leut' aus dem Volk Opium und Koks zugleich. Ich verwende es nach einem aufregenden Theaterabend vor allem als Schlafmittel. Dann glotz ich vor mich hin, während die bezaubernde Charlotte Roche im Trash-Sender 3sat mit Müllmännern schäkert oder befreundete Journalisten in der „ZiB24“ Unzusammenhängendes stammeln. Nie erfasse ich das Ganze, weil ich immer zappe, außer, es läuft gerade Snooker, Golf oder ein „ZiB-Flash“.
Sicher könnte man auch Quality-TV verbessern. Der ORF könnte live bringen, wie Neugebauer und Haberzettl die Koalition verhandeln. So viel Tragik würde selbst Arte überfordern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2008)