Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Echte Tränen für hundert Euro

Warum war Jörg Haider so beliebt? Warum wählten so viele in Kärnten diesen Trickkünstler? Und warum erfährt der kleine Steuerzahler so wenig über die Ausgabenpolitik seines Landesfürsten oder seines vorwurfsvollen Finanzministers?

Das übrige Österreich tut gerne so, als stehe es vor Rätseln, wenn es um die „Kärntner Mentalität“, die Menschen „da unten im Süden“ geht, um das angeblich nur dort vorhandene Verschweigen des Nationalsozialismus und seiner Mittäter. Schon öfters wurde in diversen Wiener Medien vorgeschlagen, Kärnten einfach von Österreich abzutrennen oder in Anlehnung an Franz Josef Strauß und seinen Freistaat Bayern Jörg Haider einen Freistaat Kärnten zuzugestehen.

Als eine, die in der Gemeinde Köttmannsdorf, in der sich jetzt der Landeshauptmann in klassischer Kärntner Manier betrunken mit seinem Auto „derschlagen“ hat, aufgewachsen ist, wehre ich mich gegen eine Darstellung der KärntnerInnen als eine Art von eingeborenen Wilden, deren „Ausmaß an Emotion und Anbetungsbedürfnis, das einem aus vielen Kärntner Seelen entgegenschlägt, trotzdem für rationales Denken schwer zu fassen ist“ (Hans Rauscher).

Als Jugendliche half ich manchmal im Gasthaus Spitzer in Lukowitz aus und „die Wiener“ waren hochnäsig, ungeduldig, arrogant, aufbrausend und vor allem – sie wollten alle ein Glas Wasser zum Kaffee! Wiener gaben zwar mehr Trinkgeld als die deutschen Gäste, genannt „die Piefkinesen“, schmissen es einem aber von unverständlichen Schimpfwörtern begleitet vor die Nase.


Jörg Haider, der Gutsherr

Es herrscht eine große Unkenntnis über das sogenannte „Unterkärnten“, die südliche Grenzregion zu Slowenien, das Land vor den Karawanken. Warum war Haider so beliebt? Ist es nicht schlimm, wenn Leute Tränen in die Augen bekommen oder gar vergießen, den Menschen „das Vosa oberinnt“, wenn ihnen jemand einen 100-Euro-Schein in die Hand drückt? Wie arm müssen diese Nebenerwerbsbauern mit kleiner Pension, die Lkw-Fahrer, die um halb fünf Uhr früh in der Dunkelheit losfahren, diese pfuschenden Bauarbeiter, Verkäuferinnen und minderjährigen Mütter eigentlich sein?

Es gibt sehr wenig Arbeitsmöglichkeiten in dieser Region, nur schlecht bezahlte Jobs mit langen Arbeitszeiten, schon Jugendliche müssen aufs AMS oder auswandern. Jörg Haider ließ alle diese schwer arbeitenden Wenigverdiener Schlange stehen und „unterstützte“ sie, wie es ein adeliger Gutsherr wohl früher mit seinen Leibeigenen, Knechten oder Mägden getan hätte. In Wien wurde hingegen ein Heizkostenzuschuss von 100 Euro als „Almosen“ abgetan, der Vorschlag verworfen.

Doch die „Hilfsmasche“ von Politikern ist weit verbreitet. Finanzminister Molterer sprach in der ORF-Pressestunde z.B. auch immer davon, „den Jungfamilien helfen“ zu wollen, als wäre er die Caritas oder ein Privatunternehmer und seine bevorzugten Mittelstandsangehörigen „ab 2300 netto im Monat“ keine braven Steuerzahler.

„Erweichen Sie Ihr hartes Herz, Sie sehen ja, dass sich die Leute harttun“, bat ihn Millionär Haider vor laufender Kamera, der seine Forderungen auch immer nur an staatliche Vertreter und nie an Unternehmer der Privatwirtschaft richtete. „Sie haben so viel Mehreinnahmen, geben Sie etwas her davon.“ Molterer, unter dessen Finanzregime die Lohnerhöhungen nicht einmal die Inflation abdeckten, war nicht begeistert.


Jörg Haider, der Zauberer

In Zeiten, in denen „viele Menschen das vage Gefühl haben, von mächtigen Betrügern abhängig zu sein“, wie der Psychotherapeut Klaus Ottomeyer in Bezug auf die BAWAG und den „mächtigen Herrn Kulterer von der Hypo-Alpe-Adria-Bank“, der jetzt vor Gericht steht, meinte, zauberte Jörg Haider – ähnlich wie ein Trickkünstler das weiße Kaninchen aus dem Zylinder – fünf arme kleine Asylwerber hervor, die er wegen „Asylbetrugs“ und krimineller Vergehen auf der Saualm wegschließen ließ.

Die Ablenkungsstrategie funktionierte auch erfolgreich, als BZÖ-Funktionäre wegen Körperverletzung verurteilt wurden. Haider schickte schnell einen Bus mit „schlagkräftigen, gefährlichen“ Tschetschenen Richtung Flüchtlingslager Traiskirchen, und ganz Österreich blickte gebannt auf Zauberkünstler Haiders rechte Hand, während seine Linke wohl unauffällig das Budget des Landes Kärnten verteilte. Dass von den 18 deportierten Flüchtlingen vom 17. Januar alle bis auf einen geringfügig Verurteilten unschuldig waren, hatte wenig Nachrichtenwert.

Welcher Politiker oder welcher Journalist wird jetzt die ganze Finanzlage, die Haiders Regierung hinterlassen hat, hinterfragen, überprüfen und seine Projekte aufdecken? Was ist mit dem Geld aus dem Verkauf der Hypo-Alpe-Adria-Bank geschehen? Finanzminister Molterer band äußerst vorwurfsvoll jedem Kärntner und jeder Kärntnerin einen imaginären „Schuldenrucksack“ von 1200 Euro um. Sollen jetzt die Kärntner für die Ausgabenpolitik ihres Landeschefs, für die One-Man-Show mit Beachvolleyball und Musicalbühne am Wörther See, im Nachhinein bluten müssen?


Ein Leichenzug in Köttmannsdorf

Wilhelm Molterer, der ähnlich dem „Schweigekanzler“ Schüssel und dem Ex-finanzminister Grasser (der einer Neuwagenverkaufsfamilie in Klagenfurt entstammt und einen Teil der Nationalbank-goldreserven verscherbelte) die politische Strategie verfolgt, seine Steuerzahler nicht allzu viel wissen zu lassen, würde das sicher freuen. Was das Wahlvolk z.B. über die Umstrukturierung der Pensionskassen oder über große Unternehmen, die keine Steuern zahlen, nicht weiß, macht es nicht heiß.

Nun wird der Staat den Banken, die noch letztes Jahr Milliardengewinne machten, unter die Arme greifen. Der Mantel des Schweigens wird ausgebreitet und „Profi Molterer“, der in dieser gefährlichen internationalen Finanzlage „über Erfahrung verfügt“ (Rauscher), wohl wieder Finanzminister werden.

Als Kind habe ich, als der alte Nachbar Herr Wachter starb, den Leichenzug die Landstraße entlang den Hügel hinunter bis nach Viktring verfolgt – an der jetzigen Unfallstelle vorbei. Aus allen Häusern und Bauernhöfen schlossen sich Köttmannsdorfer Dorfbewohner an: die Tochter des Nazis, die einen Slowenen heiratete. Der Bauer, der Haider wählt und am Sonntag zur Oma nach Wurdach fahrt und mit ihr „windisch“ redet. Der Busfahrer, der einen „Neger“ bisher nur in MTV erblickte. Die Nachbarin, die über alles ihr Unbekannte in der Welt fröhlich „Schmäh führt“.

Dieses Wochenende werden berüchtigte Rechtsextreme aus aller Welt erwartet, die Haider das letzte Geleit geben wollen. Aber der Nazi-Opa, der der rothaarigen Tochter einer ermordeten Partisanin ein Grundstück im Wald schenkte, wird nicht dabei sein. Die Überlebende des Nationalsozialismus, die zurückgezogen und vereinsamt oben auf einem Köttmannsdorfer Hügel lebt, auch nicht.

Und Frau Leksch, die Heldin meiner Kindheit – die slowenische Bäuerin, die ihr schwarzes Kopftuch nach Piratenart bindet, Tiere heilen kann und der am Abend 50 schwarze Hühner brav in den Stall folgen –, interessiert sich nicht für den nächsten „Hansel“, der sich zu Tode amüsierte. Sie wird schauen, dass sie ihre paar Eier verkauft, damit sie ein Taschengeld hat.


Tod auf der Straße nach Slowenien

Aber dass sich Jörg Haider ausgerechnet in der Nacht des „Kärntner Abwehrkampfes“ (Erinnerung an den 10. Oktober 1920) auf der Loiblpass-Bundesstraße, die Richtung Bärental und eng und steil den Loiblpass hinauf weiter nach Slowenien führt, erschlagen hat, besitzt schon eine symbolische Bedeutung.

Hätte Kärntens Modernisierer die einzige Verbindung von Klagenfurt nach Slowenien ausbauen und sichern lassen, wie es sich für eine internationale Handelsverbindung gehört, hätte er wohl relativ ungefährdet mit 140 Sachen in sein Bärental brausen können. Jörg Haider ist genau auf dem Übergang vom vierspurigen, autobahnähnlichen Teilabschnitt der Straße in bebautes Gebiet hinein gestorben.

Jörg Haider ist tot. Die leer stehenden, gespenstisch anmutenden Zollhäuschen der ehemaligen Grenze ein paar Kilometer weiter und die Erinnerungsstätte an ein Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, von dem aus französische Gefangene den Loiblpass-Tunnel bauen mussten und reihenweise den tiefen Temperaturen zum Opfer fielen, aber bleiben.

Mag. Kerstin Kellermann, geb. 1964 in Frankfurt/Main, ist freie Journalistin in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2008)