Den verklärten Blicken nicht nur der Damen im Großen Konzerthaussaal war es anzusehen, als José Carreras noch einmal spanische Kanzonen zum besten gab, Hans Weigel hat einst zurecht behauptet, in Wien würde am liebsten unter dem Motto „Wenn man bedenkt“ applaudiert.
Das schwang schließlich schon beim Debüt des Tenors in den Siebzigerjahren mit, als im „Rigoletto“ ein Spitzenton flöten ging – und doch kein Zweifel bestand: Das war die vielleicht schönste Tenorstimme seit langem. Pavarotti war in Wien nicht heimisch, Domingo, der universellste von allen, tönte nie so schmeichelweich. Giacomo Aragall war damals vielleicht in Spiel und Stimmgestaltung der faszinierendste von allen. Doch dessen Nerven spielten nicht in ausreichendem Maße mit.
Also Carreras! Unter den Fittichen von Herbert von Karajan zitterte man mit ihm, als er sich an Partien wie den Radames wagte, den er nie hätte singen sollen – und doch: zum Wiener philharmonischen Begleit-Pianissimo gelang der Coup, wie später unter Maazel der Kalaf. Und es war knapp vor Ausbruch der grausamen Krankheit, die den Tenor für lange Frist aus dem Bühnenleben riss, dass just mit dem Puccini-Helden an der Staatsoper beinah alle Probleme verflogen schienen, als stünde auch der tenoralen Helden-Karriere nichts mehr im Wege. Wenn man bedenkt . . .
Nachdenklich machte an diesem Wochenende vielleicht auch die Rückkehr Nikolaus Harnoncourts in altgewohnte Bezirke der Bachschen Kantaten-Welt. Vielleicht deckt kein Dirigent heutzutage ein solches Repertoire-Spektrum ab wie dieser. Immerhin bereitet Harnoncourt gerade die Premiere von Strawinskys „Rake“ im Theater an der Wien vor! Die Bach-Kantaten waren einst das Schallplatten-Projekt, mit dem der Concentus und sein Meister die Welt auf sich aufmerksam machten. Sämtliche überlieferten Bach-Kantaten in unzähligen Schubern samt Notenbeigaben, ein Wagnis, an das der Produzent glauben musste – gegen jede verlegerische Vernunft. Selbst wenn es heute einen vergleichbar hellsichtigen Manager gäbe, er stünde ohne Firma da . . .
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)