Wer sieht denn noch wirklich fern?

Gottschalk und Reich-Ranicki diskutierten über „Blödsinn“ im Fernsehen und die Jugend – die sich vermutlich vom TV immer mehr abwendet.

Eine Woche lang drehten, wendeten und benagten die Deutschen ihren jüngsten Debattenknochen. Am 11. 10. hatte Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki (88) den Fernsehpreis für sein Lebenswerk vor laufenden Kameras bei der glamourösen ZDF-Gala abgelehnt und TV als Blödsinn bezeichnet. Das regte alle auf. Sind Dokus Blödsinn? Hat nicht Ranicki selbst mit seinem „Literarischen Quartett“ vom TV profitiert? So wurde gefragt. Vergangenen Freitag folgte der krönende Abschluss der Kontroverse: „Aus gegebenem Anlass“ sprachen der Showmaster und Fernsehpreis-Moderator Thomas Gottschalk und Ranicki über Unsinn im Fernsehen: Eine niveauvolle, rhetorisch brillante Debatte, wenn auch inhaltlich nicht vom Neuesten.

Was war das Ende? Ranicki forderte mehr Ehrgeiz der TV-Chefs, Unterhaltung und Anspruch zu verbinden. Gottschalk erklärte dies für unvereinbar mit hoher Quote und verwies auf die wichtigste (Werbe-)Zielgruppe: die 13- bis 49-Jährigen. Vor allem den 49-Jährigen muss man im Hinblick auf die Zukunft des Fernsehens ein langes Leben wünschen. Denn die 13-Jährigen lassen die technisch immer besseren Plasma- etc. -Geräte nur mehr als Hintergrundgeräusch laufen. Sie schauen in ihre technisch ebenfalls tollen Macintosh & Co. und chatten. Sie „SMSen“ – senden SMS –, schmusen, treiben Sport. Ob sie womöglich mit Ranicki übereinstimmen, dass TV Blödsinn ist? Das Phänomen sollte die Fernsehgewaltigen jedenfalls beschäftigen. (Bericht: S. 28)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)

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