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Was ist das für ein Land?

Ich trauere um einen ORF, der glaubt, Haiders Begräbnisübertragen zu müssen.

Vielleicht lebe ich in einem sozialen Ghetto. Alle, denen ich begegne, wundern oder empören sich über das geradezu groteske Ausmaß und die völlig unkritische Art der Berichterstattung in nahezu allen Medien nach dem Tod Jörg Haiders. Nicht von Haider sei hier die Rede, sondern von dem, was hierzulande „Öffentlichkeit“ ist.

„Die Sonne ist untergegangen“, „Die Zeit ist stehengeblieben“, marktschreierisch werden Zitate wie diese hinausgeblasen und lassen eine schweigende Mehrheit – ich bin mir sicher, es ist eine Mehrheit – ratlos fragen: „Was ist das für ein Land?“

Es geht hier nicht um eine politische Bilanz Jörg Haiders. Nur so viel: Nach meinen Maßstäben hat er das Land nicht besser gemacht, sondern immer wieder Ressentiments bedient. Wenn schon so ein medialer Hype, warum wird dann kaum angemerkt, dass volltrunken mit überhöhter Geschwindigkeit zu rasen zutiefst verantwortungslos und kriminell ist? Es war purer und glücklicher Zufall, dass dabei nicht auch ein Unschuldiger getötet wurde.

Wieso kaum kritische Töne, wenn jemand erst vor wenigen Wochen klar rechtswidrig und mit bewusster Wortwahl ein „Sonderlager“ für Asylwerber auf der Saualpe einrichtete und, damit auch jeder kapiert, worum es dabei geht, auch klar aussprach, dass er dort Tschetschenen „konzentrieren“ wollte, mit dem „Endziel“ der Abschiebung.

Nein, ich trauere nicht um diesen Politiker. Ich trauere um einen öffentlich-rechtlichen ORF,der glaubt, dessen Begräbnis stundenlang übertragen zu müssen. Ich trauere um das Image dieses Landes, denn es ist internationalen Gästen nicht erklärbar, dass der Bundeskanzler meines Landes eine Rede beim Begräbnis hält und ganz Österreich im Abbild seiner Medien derartig bigott und vordemokratisch wirkt, dass es kaum zu ertragen ist.

Die Frage ist: Warum schweigt die Mehrheit zu dieser grotesken Zeichnung Österreichs der letzten Tage, jene Mehrheit, die nicht autoritär geprägt und nicht blitzschnell in eine Mischung aus Messias- und Führerkult verfällt?

Die größte Finanz- und Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte scheint unvermeidbar. Diese Weltkrise musste sich in den letzten Tagen hinter der Betroffenheitssuada über Jörg Haider einreihen. Wenn es nicht gar so abgedroschen klänge: Leute, es reicht!

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)