Jan Bosse versucht sich an Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Ein feuchtfröhlicher Exzess.
So viel Alkohol ist selbst für Martha, die gealterte Schnapsdrossel in Edward Albees seit 46 Jahren die Theater füllendem Ehekrieg „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ungewöhnlich: Christiane von Poelnitz stellt sich in großer Pose mitten auf die riesige Bühne des Burgtheaters, setzt die volle Whiskyflasche an und trinkt. Sie trinkt und trinkt, und das Publikum hält bei der Premiere am Samstag den Atem an, bis zur Neige.
Dann brandet Applaus auf. Denn selbst wenn die Schauspielerin, die zuvor schon mindestens einen Liter von dem braunen Zeug runtergestürzt hat, bloß gefärbtes Wasser konsumiert, ist das eine respektable Leistung. Was für ein Trick, was für ein athletischer Akt! Im Vergleich dazu hat man Elizabeth Taylor und Richard Burton in der Verfilmung des Stückes geradezu als Abstinenzler in Erinnerung.
Und diese kurze Szene zeigt auch schon, worauf es Regisseur Jan Bosse angelegt hat und was trotz bester Besetzung passierte: Das Komödiantische ist gelungen, die Vertiefung des Dramas allerdings feuchtfröhlich gescheitert. Es wird bei ihm zur bloßen Zirkusnummer, er hält sich nicht mit Zwischentönen auf, sondern betont das Satirische dieses wohlkonstruierten Vierpersonenstückes. Man darf also drei Stunden lang die hohe Kunst der Frau von Poelnitz und ihres kongenialen Partners Joachim Meyerhoff als Marthas frustriertem Gatten George in schamloser Übertreibung bewundern, während das jüngere Paar (Katharina Lorenz als Putzi und Markus Meyer als Nick) noch stärker als ohnehin vorgegeben in den Hintergrund gedrängt wird.
Albees Kammerspiel handelt von der geilen, frustrierten und alkoholkranken Tochter des Universitätspräsidenten und ihrem Mann, einem mindestens so stark vom Leben beschädigten Historiker. Die beiden sind seit 20 Jahren verheiratet und machen einander das Leben zur Hölle. Ihr liebstes Spiel: Den Krieg vor einem anderen Paar zu inszenieren und dieses in den Schmutz hineinzuziehen. Jedes Tabu wird gebrochen, weit nach Mitternacht, beim Besuch eines neu an die Uni gelangten Biologielehrers und seiner naiven Frau vielleicht sogar eines zu viel.
Bosse geht diese Taktik der Entblößung direkt an. Von Poelnitz und Meyerhoff kommen braun gewandet durch den Zuschauerraum und erklimmen mühevoll die Rampe. Sie haben bei einer Party von Marthas Vater offensichtlich bereits zu viel getrunken, die Zerfleischung beginnt. Sie schieben aus dem Hintergrund ihre Wohnung (Bühne: Stéphane Laimé), einen skurrilen mobilen Guckkasten nach vor – eine Persiflage einfallsloser Einrichtungsgewohnheiten.
Schauspieltalente verschleudert
Vorne stehen dicht an dicht Sofagruppen wie im Möbelhaus, oben ist die Decke vollgehängt mit drei Gruppen von Lampen aus Metall, Papier und buntem Kunststoff. Hinten ist die Wand auf der linken Seite mit gerahmten Fotografien vollgepflastert, in der Mitte gibt es statt eines Regals mit Büchern eines mit Dutzenden braunen Schnapsflaschen, links sind Aktenkisten gestapelt, aus denen der Hausherr Eis entnimmt, wenn nicht gerade seine Frau eine Kiste auf den Boden stellt, um sie als Klo zu verwenden. Zu viel Symmetrie in diesem ohnehin bis in die verletzenden Nebensätze ausbalancierten Stück? Bosse setzt noch eins drauf. Am Schluss, als endlich heraus ist, dass sich das kinderlose alte Ehepaar den Sohn nur herbeifantasiert hat, als man erkennt, dass das junge Paar bereits auf dem besten Weg in eine ähnliche Krise ist, als die Alte den Jungen vernascht hat und der Alte das Mobiliar mit einer putzigen roten Kettensäge und ganzem Körpereinsatz zerstört hat, als die Junge ausgekotzt am Boden liegt und man sich schließlich höflich verabschiedet hat, dreht sich die Bühne und aus der Versenkung taucht eine identische, intakte Wohnung auf. Das Fegefeuer der Gemeinheiten geht weiter – ein echter Gag.
Wie aber ist das Gesamte zu bewerten? Wohl im Bemühen, das Drama zu entstauben, hat es Bosse zu billig gegeben, vor allem, wenn man bedenkt, zu welcher Raffinesse von Poelnitz und Meyerhoff fähig sind, wie talentiert auch Lorenz und Meyer zu sein scheinen. Martha ist auf ein ordinäres, lautes Ungeheuer reduziert, George auf einen zynischen Intellektuellen, dessen gallige Frustration allzu abrupt der Zerstörungswut weicht. Nick hingegen wird von Meyer mit kleinen Gesten in zurückgenommener Spielweise hinterhältig gut gegeben, während Lorenz als Putzi bloß die Karikatur einer deplatzierten Tussi spielen darf, die sich auf diese höllische Universität verirrt hat. Ihr Spiel erschöpft sich in leeren Posen oder wildem Gegackere.
Ja, es wird eigenartig getanzt zu dem seltsamen Song „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Meyerhoff als Gastgeber mit falschem Bierbauch zelebriert das Einschenken der harten Getränke in immer neuen Varianten des Exzesses. Die Jungen sind am Ende eingenässt. „Fang den Gast“ heißt eines der Lieblingsspiele von Martha und George. Sie bemühen sich heftig, die Zuschauer mit seltsamen Spielchen zu fesseln. Aber stundenlange Überreizung führt zwangsläufig zur Übermüdung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2008)