Staatssekretär Reinhold Lopatka fordert von der Justiz mehr Aktivität im Kampf gegen „Betrüger“. Ein Hobbysportler erstattete in Wien gegen Bernhard Kohl Anzeige.
WIEN. Bernhard Kohl habe gelogen, betrogen, gemauert und seine Fans enttäuscht. Trotz all dem, sagt Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka, sei der Schritt des gefallenen Radstars, den Dopingmissbrauch zuzugeben und ein Geständnis abzulegen, anzuerkennen. So lobenswert dieses Outing laut Lopatka auch sei, damit allein sei es noch lange nicht getan. Aufgrund des geltenden Anti-Doping-Gesetzes (§22) liegt ein Tatbestand vor, der sowohl von der Nada-Austria als auch den Behörden zu behandeln ist. Und in genau diesem Punkt, versprach der Politiker, werde er nicht mehr locker lassen: Es müsse ein Verfahren gegen Unbekannt eingeleitet und Bernhard Kohl als Zeuge zur Einvernahme geladen werden. Lopatka: „Kohl muss Namen nennen. Das erwarte ich von ihm!“
Kohl, 26, zeigt sich derzeit auch bereit, tatsächlich „auszupacken“ und Details über Herkunft sowie Verkäufer aufzuzeigen. Allerdings ist ein Termin für die Anhörung vor Österreichs Anti-Doping-Agentur noch nicht bestimmt. Ob er tatsächlich von der „Kronzeugenregelung“ Gebrauch machen wird, um die drohende Sperre (zwei Jahre, Anm.) zu reduzieren, bleibt abzuwarten. Es ist nämlich sehr viel leichter, im ORF zu erklären, wie er sich das Präparat ähnlich einer Thrombosespritze in die Bauchfalte gespritzt hat, als Hintermänner vor der Justiz namentlich ins Spiel zu bringen.
Dass in diesem Punkt bei Bernhard Kohl auch eine gehörige Portion Angst vor der Rache des Systems mitfahren dürfte, dessen ist sich nicht nur Lopatka bewusst. Und, was sind die Folgen im Radsport generell, sofern er seine Karriere nach der Sperre fortsetzen will? Die Deutschen Jörg Jaksche (siehe Zitat) oder Patrik Sinkewitz gestanden und legten systematische Dopingabläufe offen. Der Lohn dafür? Kein Rennstall engagierte sie mehr.
Anzeigen, keine Kavaliersdelikte
Um die Justiz tunlichst in diesem Fall aktiv zu halten, hatte Reinhold Lopatka („Doping ist Betrug, und es wird immer Betrüger geben!“) selbst an eine Strafanzeige gedacht, sofern der Apparat nicht der Gesetzesnorm getreu arbeite. Ihm kam aber ein Wiener Hobbysportler zuvor: Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, bestätigt der „Presse“, dass gegen Bernhard Kohl Anzeige wegen Betruges erstattet worden ist. Bevor aber Ermittlungen überhaupt aufgenommen würden, so Jarosch, gelte es, die Gerichtszuständigkeit (Tatort? Wohnort?) zu klären...
Doping, daran lässt Lopatka keinen Zweifel, ist in der Vergangenheit in Österreich nicht ausreichend „kriminalisiert“ worden. Es sei „kein Kavaliersdelikt“, Hintermännern drohen seit August immerhin Geld- (360 Tagsätze) und Haftstrafen (sechs Monate bis fünf Jahre). Nur, bleiben Fakten und Namen aus, sind Justiz und Exekutive die Hände gebunden. Da müsste sich die Exekutive selbst stärker in Szene setzen und „professionelle Dopingjäger wie in der Drogenbekämpfung“ einsetzen, meint Lopatka.
Dopinglotto: 3 aus 59
Es klingt geradezu wie ein frommer Wunsch, angesichts der Unzahl anderer Strafdelikte und der im Vergleich dazu geringen Beamtenanzahl. In der Turiner „Blutdopingaffäre“ etwa – es wurde Anzeige gegen 31 Sportler und drei Ärzte erstattet – ermittelt nur ein einziger Beamter. Mit Ergebnissen sei, so Jarosch, in näherer Zeit weiterhin nicht zu rechnen.
Auch in so manchem Sportfachverband ortet Lopatka nur sehr geringes Interesse am Anti-Doping-Kampf. Trotz der seit 2007 bestehenden Möglichkeit, eigene finanzielle Mittel für die Dopingprävention vom Staat zu lukrieren, nahmen bislang von 59 Fachverbänden nur drei (in Zahlen: 3) diese Möglichkeit wahr: der Radsport-, der Segel- und der American-Football-Verband.
AUF EINEN BLICK
■Reinhold Lopatkaerwartet sich von Radprofi Bernhard Kohl, dass er Hintermänner bei seiner Doping-Anhörung nennen wird.
■Bei Wiens Staatsanwaltschaft wurde gegen Kohl wegen Betruges bereits Anzeige erstattet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2008)