Energie: „Eine asiatische Welle überrollt die Türkei“

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Das Potenzial für erneuerbare Energien in der Türkei ist enorm. China setzt Marktführer Österreich zu.

Wien. Jedes Jahr benötigt die Türkei rund neun Prozent mehr Energie als im Jahr zuvor. Bisher baute das Land einfach ein neues Gaskraftwerk, wenn der Verbrauch anstieg, sagt Richard Bandera, der Außenhandelsdelegierte für die Türkei. Angesichts der hohen Gaspreise des Hauptlieferanten Russland, konnte der Kapazitätsausbau mit dem gesteigerten Energiebedürfnis aber nicht mehr Schritt halten. So setzt die Regierung in Ankara nun vermehrt auf erneuerbare Energien und verhilft mit einer Gesetzesnovelle auch Kleinkraftwerken zu mehr Profitabilität.

Privatisierung steht bevor

Potenzial gibt es genug: Allein in der Wasserkraft könnten bis zu 60 Mrd. Euro an neuen Projekten umgesetzt werden, sagt Energieexperte Özgür Örscekic bei einem Branchenforum der WKÖ in Wien. Der konstante Wind an der Westküste des Landes eröffnet ein Potenzial von 20.000 Megawattstunden (MWh) oder 20 Mrd. Euro im Bereich der Windkraft. Ziel der türkischen Regierung ist es, langfristig 14 Prozent des türkischen Strom- und Wärmebedarfs selbst zu decken. In Erwartung der Novelle des Gesetzes für erneuerbare Energien wurden im vergangenen November Windprojekte für 78.000 MW eingereicht. Etwa ein Drittel dürfte realisiert werden.

Seit Anfang des Jahres hat der türkische Gesetzgeber mit einem garantierten Einspeisetarif von mindestens fünf Euro-Cent pro Kilowattstunde das Wechselkursrisiko für Investoren beseitigt. „Das ist aber nur ein Auffangnetz für Jongleure“, sagt Bandera zur „Presse“. Derzeit würde die Kilowattstunde am Markt um acht bis zehn Cent weggehen. Auch die staatlichen Großkraftwerke sollen im kommenden Jahr privatisiert werden. Den ersten Schritt dahin hat die heimische Verbund mit der türkischen EnergijSA bereits gemacht. Gemeinsam haben sie das Stromnetz von Ankara gekauft, sobald die Versorgung in den Städten sichergestellt ist, soll der Verkauf der staatlichen Wasser- und Gaskraftwerke beginnen.

China liefert zum halben Preis

Zurzeit ist Österreich klare Nummer eins am türkischen Energiesektor. Vor allem Turbinen, Transformatoren und Generatoren werden geliefert. Harte Konkurrenz kommt aus Asien. Gerade China überschwemmt den Markt mit billigen Kraftwerksteilen. „Qualitativ kommen sie mit unseren Produkten nicht mit“, sagt Josef Lampl, Chef des österreichischen Kraftwerksausstatters Kössler. Einen Trumpf haben die Teile aus dem Reich der Mitte aber doch: Sie kosten nur die Hälfte der westlichen Produkte und werden in der halben Zeit geliefert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2008)

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