Ohne neue Hochspannungs-Leitungen drohen „Blackouts“, sagt die E-Wirtschaft.
Wien. Wenige Projekte rufen so viel Widerstand in der Bevölkerung hervor, wie der Bau von Hochspannungsleitungen. Bestes Beispiel dafür ist die sogenannte „Steiermark-Leitung“ – eine 380-kV-Leitung vom Südburgenland durch die Oststeiermark. 1988 wurde das Projekt von der Verbund-Netztochter APG erstmals angegangen. Ende 2009 soll die Leitung fertiggestellt sein.
Grund für diese 20-jährige Verzögerung des Projekts ist der Rechtsstreit, den die APG mit 18 Bürgerinitiativen ausgetragen hat. Letztere stellten bei der Umweltverträglichkeitsprüfung rund 1500 Einsprüche und beim schlussendlich für die Leitung entscheidenden Umweltsenat 149 Berufungen. Ein Verfahren, das allen Beteiligten viele Kosten und Mühen bereitet hat. Die Motivation der Anrainer, gegen eine Hochspannungsleitung in ihrer Umgebung zu kämpfen, ist nachvollziehbar. Warum verfolgt aber die E-Wirtschaft trotz dieser heftigen Widerstände den weiteren Ausbau des Netzes?
Dreimal so viel Strom wie 1970
Drei Gründe sind laut Elektrizitätswirtschaft und Stromregulator E-Control dafür verantwortlich, dass das bestehende Netz zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen kommt und sogar „Blackouts“ drohen. Erstens nimmt der Stromverbrauch in Österreich seit Jahren kontinuierlich zu. Seit dem Jahr 1970 hat er sich etwa verdreifacht. Das derzeitige Netz wurde jedoch weitgehend in den 60er- und 70er-Jahren gebaut und auf den damaligen Verbrauch abgestimmt.
Die zweite Belastung für das Netz kam durch die Liberalisierung des Strommarktes in der EU Anfang dieses Jahrzehnts. Seither können sich die Kunden ihren Stromanbieter aussuchen. Dies führt zu einem vermehrten Stromhandel. Die Folge davon ist ebenfalls eine höhere Nutzung des Netzes. Zu guter Letzt sorgt auch der Ausbau der erneuerbaren Energien zu einer gesteigerten Netzbelastung. So sind die heimischen Windparks vor allem im Osten zu finden. Damit die Österreicher aber auch bei Windstille ihre Elektrogeräte verwenden können, benötigt man sogenannte „Ausgleichsenergie“. Diese kommt von Speicherkraftwerken, die jedoch im Westen des Landes stehen.
Noch Lücken im 380-kV-Netz
Die starke Nutzung der Netze macht daher Engpassmanagement – spezielle Transformatoren und gezielte Abschaltungen – notwendig. Dadurch entstehen laut APG den Stromkunden pro Jahr Kosten von rund 20 Mio. Euro, Tendenz steigend. Dies soll sich durch die Fertigstellung des 380-kV-Ringes rund um Österreich ändern. Die Steiermark-Leitung war eine Lücke davon. Fehlende Stücke gibt es darüber hinaus noch in Kärnten und in Salzburg. In Salzburg gibt es, ähnlich wie in der Steiermark, bereits heftigen Widerstand von Bevölkerung und lokaler Politik gegen die Leitung.
Der Kampf um den Leitungsausbau wird dabei vor allem im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) ausgetragen. Diese 1993 gesetzlich geschaffenen Prüfungen ermöglichen Bürgerinitiativen und einzelnen Anrainern, Einsprüche gegen geplante Großvorhaben vorzubringen. Und anders als in Deutschland, wo UVP als rein formale Hürden gelten, können hierzulande Projekte stark beeinflusst werden.
Dieser Einfluss ist laut Energiewirtschaft und anderen Infrastrukturbetreibern teilweise zu groß. Denn der rechtliche Rahmen würde es ermöglichen, dass Genehmigungen „künstlich verzögert“ werden. So dürfen Eingaben von Leitungsgegnern auch nach der öffentlichen Verhandlung eingebracht werden, wodurch der Bescheid erst nach der Erstellung eines Gegengutachtens erfolgt. Außerdem muss auch bei Erweiterungen bestehender Kraftwerke – beispielsweise zusätzliche Turbinen und Generatoren – eine komplette UVP durchgeführt werden.
Die E-Wirtschaft fordert daher eine Vereinfachung der UVP-Verfahren. Zudem soll der Bund stärkere Kompetenz bei der Raumordnung erhalten. Denn derzeit gibt es keine definierten Korridore in Österreich, die freigehalten werden. So werde von den Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden manchmal das entsprechende Gebiet in Bauland umgewidmet, um den Leitungsbau zu verhindern.
AUF EINEN BLICK
■Hochspannungsleitungen werden von Anrainern meist heftig bekämpft. Dennoch sind sie laut E-Wirtschaft notwendig, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten.
■Lücken im 380-kV-Netz gibt es zur Zeit noch in der Steiermark, in Salzburg und Kärnten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2008)