„Defizit von zehn Prozent möglich“

INTERVIEW. Explodierende Budgetdefizite, hohe Inflation und Arbeitslosigkeit – dagegen helfen altbackene Konjunkturpakete nichts, meint A.T.-Kearney-Österreich-Chef Robert Kremlicka.

Wien. Traditionelle Konjunkturpakete mit Schwerpunkt Bauwirtschaft werden nicht ausreichen, um die kommende Wirtschaftskrise zu bewältigen. Im Gegenteil: Teure Infrastrukturprojekte „ohne kurzfristigen Return“ wie etwa Koralmtunnel, Semmeringtunnel und Brennerbasistunnel sollten zurückgestellt werden, um Geld für echte Wettbewerbsstärkung der am stärksten betroffenen Branchen freizubekommen, meint der Österreich-Chef des renommierten internationalen Unternehmensberaters A.T.Kearney, Robert Kremlicka, im Gespräch mit der „Presse“.

Kremlicka zeichnet für die kommenden Jahre ein relativ düsteres Bild:

•Die USA, Westeuropa und Teile Osteuropas müssen sich auf eine zwei bis fünf Jahre dauernde Rezession einstellen, im Rest der Welt wird sich das Wachstum dramatisch einbremsen.

•Dies werde „mit schweren tektonischen Verschiebungen“ in der Bankenlandschaft bis hin zu möglichen Zwangsfusionen (auch in Österreich) einhergehen. Die einzelnen Branchen würden unterschiedlich stark betroffen sein. Am schwersten werde es in Österreich die Bereiche Autozulieferung und Engineering erwischen. Maschinenbauer, die den Absatzmarkt Asien bisher vernachlässigt haben, könnten in ernste Probleme schlittern.

Hohe Inflation droht

•Auch der Tourismus werde leiden: Kremlicka erwartet Rückgänge im Winter- und Städtetourismus, die Sommerdestinationen könnten von der globalen Krise dagegen profitieren.

•Die Inflation könnte angesichts der riesigen Summen, die jetzt in die Märkte gepumpt werden, dramatisch steigen. Genau prognostizieren könne man das aber noch nicht, meint Kremlicka. Denn einen derartigen massiven Eingriff in das Wirtschaftsgeschehen, wie es die jetzt überall beschlossenen Bankenrettungspakete darstellen, habe es in der Wirtschaftsgeschichte noch nicht gegeben.
•Die Budgets dürften in allen betroffenen Ländern, auch in Österreich, dramatisch entgleisen. Kremlicka rechnet mit Defiziten um rund zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Je nachdem, wie stark etwa die versprochenen Bankenhilfen und Garantien tatsächlich schlagend werden.

Länder an die Kandare nehmen

In dieser Situation helfe es wenig, Geld nur in ein paar Bauprojekte zu schießen, meint der Unternehmensberater. Um Geld für die dringend notwendige Wettbewerbsstärkung der am stärksten betroffenen Branchen freizumachen, müssten zuallererst (auch wenn das politisch wenig realistisch erscheint) ein paar heilige Kühe geschlachtet werden.

Die wichtigste: Eine blitzartige Bundesstaatsreform mit Entmachtung der Länder. „Angesichts der heraufziehenden Krise können wir uns unseren Förderalismus einfach nicht mehr leisten“, meint Kremlicka. Etwa die teuren Pensionssysteme der Länder, die bisher kaum reformiert worden seien. Zwei bis drei Prozent des BIP (das wären rund sieben bis zehn Milliarden Euro) müssten diese Reformen mindestens bringen, meint der Topconsulter. „Sonst droht uns die Katastrophe.“ Das Geld solle teilweise zu einer Senkung der Steuerquote auf 40 Prozent verwendet werden, weil die hohe Abgabenlast einer der größten Konkurrenznachteile Österreichs sei.

Damit sei es aber noch nicht getan. Auch andere Kostenpositionen müssten verbessert werden:

•Dringend sei eine Flexibilisierung der Arbeitszeitgesetze. Hier sollten sich auch die Sozialpartner massiv einbringen.

•Kostentreibende Initiativen (etwa Verschärfungen der Regeln für den CO2-Ausstoß) sollten zurückgestellt werden.

•Die Sozialpartner sollten sich darauf einigen, bis 2011 bei Lohnrunden maximal die Inflation abzugelten.

•Die derzeit übliche Gießkannenförderung müsse eingestellt werden. Es gelte, massiv und konzentriert den Branchen, die in besondere Schwierigkeiten geraten, unter die Arme zu greifen.

Auftragseingang sinkt

Derzeit, so der Unternehmensberater, seien die österreichischen Unternehmen überwiegend noch kerngesund und mit Aufträgen gut versorgt. Bei den Auftragseingängen zeichne sich die Krise aber schon ab. Und: Es sei eine Illusion zu glauben, dass ein Land mit 46 Prozent Außenhandelsverflechtung von einer internationalen Krise verschont bleiben könne.

Kremlicka warnt jedenfalls davor zu glauben, dass mit den gigantischen Bankenrettungspaketen die Krise in den Griff gebracht worden sei: „Damit wurde der Brand im Dachstuhl gelöscht. Jetzt muss aber das Haus gestützt und neu aufgebaut werden.“ Und dafür seien eben radikale Maßnahmen notwendig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2008)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.