Königsjagd in Reinkultur

SCHACH-WM. Der Inder Viswanathan Anand dominiert seinen Gegner Wladimir Kramnik. Er schwört nicht auf Computer, sondern setzt auf die Hilfe eines 17-jährigen Teenie-Genies.

BONN (dat/ag). Mit der Sonde „Chandrayaan-1“ startete Indien am Dienstag seine erste Mondrakete. Doch nicht nur die Eroberung des Weltalls bestimmt derzeit die Gespräche in Delhi. Im Vergleich zur milliardenschweren Sonde zieht auch ein einzelner Mensch die Blicke seiner Landsleute stark an: Viswanathan Anand, 38, aus Madras. Er ist Großmeister im Schach, Weltmeister und er lag beim in Bonn laufenden WM-Turnier gegen den Russen Wladimir Kramnik nach sieben von maximal zwölf Partien mit 5,0:2,0-Punkten in Führung. Eineinhalb Punkte, also ein Sieg und ein Remis, fehlten ihm noch, um seinen Titel zu verteidigen. Wenn er gewinnt, ist Indiens Schachkomet schneller am Ziel als die Mondrakete...

Schach – auf persisch bedeutet Schah „König“ – ist ein Strategiespiel und das Ziel des Denksports ist klar: den Gegner Schachmatt zu setzen. Und darin ist der Inder Anand wahrlich ein Meister. „Sein Spiel ist universell geworden“, schwärmt etwa der russisch-deutsche Großmeister Artur Jussupow, der einst dem Inder als Trainer half. Kramniks Spiel dagegen wirke, als komme es von der dunklen Seite des Mondes. Er bezog zwei vernichtende Niederlagen (mit Weiß, eigentlich ein Vorteil), wirkt in Zügen und Gedanken abwesend und während er das Gesicht hinter seinen Händen versteckt, munkeln Beobachter schon von einer vorzeitigen Kapitulation.


Keine Grimassen, bitte!

Kramnik selbst wollte davon freilich nichts wissen. Die Analyse mit dem Computer werde ihm seine Fehler aufzeigen. Wirklich gute Schachspieler haben ja schon so manchem Computer harte Zeiten bereitet, allerdings: Er selbst hat 2006 im Kräftemessen mit dem PC „Deep Fritz“ ein einzügiges Matt übersehen. Ein Jahrhundertpatzer, der an seinem Selbstvertrauen knabbern könnte.

Anand reichen Partien, in denen er nichts riskieren, sondern nur punkten muss mit einem Remis (0,5 Punkte). Ob er wieder mit der Neuerung im neunten Zug, der „Nimzo-Indischen Verteidigung“, seinem Gegner unangenehme Denkanstöße bereiten kann? Oder mit der „Meraner Variante“ der Slawischen Verteidigung?

Aber nicht nur brillante Züge, auch echte Bluffs wurden bei einer Schach-WM schon zum Einsatz gebracht. Ähnlich eines Pokerspielers wurden in der Vergangenheit von echten Gentlemen plötzlich Grimassen geschnitten. Kramnik sorgte etwa 2006 auch für einen Eklat mit der „WC-Affäre“. Ihm wurde damals der erleichternde Gang auf die Toilette untersagt, dunkle Machenschaften und Einflüsterer wurden gar auf dem stillen Örtchen vermutet.

Anand, der in seiner Heimat „Tiger von Madras“ gerufen wird, zeigt sich von solchen Spielereien unbeeindruckt. Er spielt cool und seit dem Titelgewinn 2007 – gegen Kramnik – strahlt er auch eine gewisse Portion von Souveränität aus. Beide Spieler sind die Namen der Gegenwart und haben Lichtgestalten wie Garri Kasparow entthront. Der in Paris lebende Kramnik hatte nach seinem Erfolg über Kasparow den WM-Titel zweimal gegen Peter Leko (Ungarn/2004) und gegen Weselin Topalow (Bulgarien/2006) verteidigt.


Ein junger Großmeister

Indiens Volksheld Anand hat sich für das WM-Duell andere Hilfe erbeten – er benützt keinen Computer, sondern vertraut auf das Training mit einem 17-jährigen Genie. Was anfangs noch wie ein Staatsgeheimnis gehütet worden war, drang doch an die Öffentlichkeit, Anand hat „Tipps“ von dem erst 17 Jahre alten „Schachwunderkind“ Magnus Carlsen erhalten. „Ja, es stimmt“, bestätigt Henrik Carlsen, Vater des jüngsten Schachgroßmeisters bei einem Telefonat mit der „Presse“. „Die beiden haben miteinander trainiert, es gab mehrere Meetings.“ Über Inhalte des Trainings mit dem als „Weltmeister der Zukunft“ gehandelten Norweger sprach er aber nicht. Die WM sei ja noch nicht vorbei...

Russlands Schachlegende Anatoli Karpow hat unterdessen den Weltverband Fide vehement kritisiert. Vor allem verstand er die erstmals durchgeführten Dopingkontrollen – „bei unserem Denksport“ nicht. Und wenn doch, dann hätten diese Mittel schleunigst in den offiziellen Verkauf zu geraten – zum Wohl der Allgemeinheit. „Im Schach ist das völliger Nonsens“, erbost sich der 57-jährige Karpow. „Die Föderation will unbedingt, dass Schach olympisch wird, darum diese Geste. Wir sind keine Bewegungssportart. Aufputschmittel helfen einem Großmeister nicht!“ Ihm hilft nur der letzt entscheidende Zug – matt! s. Spectrum, Seite X

AUF EINEN BLICK

Viswanathan Anand, 38,
ist der aktuelle Schach-Weltmeister des Weltverbandes Fide. Der Inder, (* 11. Dezember 1969 in Madras) ist seit 2007 der 15. alleinige anerkannte Schachweltmeister seit Wilhelm Steinitz.

Der „Tiger von Madras“ erlernte das Schachspiel als Sechsjähriger von seiner Mutter. Ein Jahr später trat er einem Schachklub bei. 1987 wurde er Juniorenweltmeister und bekam den Titel Großmeister verliehen. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)