Der Kreml zimmert sich eine neue Fluglinie und weitet Einfluss am Flugsektor aus.
Moskau. Russland erhält eine neue Fluglinie. Wie bereits zu Beginn des Monats beschlossen und auf der Gründerversammlung am Dienstag bekannt gegeben, wird künftig die Linie „Avialinii Rossii“ den führenden Anbietern Konkurrenz machen. Die offizielle Registrierung wurde für den 11. November anberaumt.
Wie der Branchenleader Aeroflot wird auch „Avialinii Rossii“ mehrheitlich vom Staat kontrolliert. Konkret hält die staatliche Großgesellschaft „Rostechnologii“ 50 Prozent plus eine Aktie, die Moskauer Stadtregierung 50 Prozent minus einer Aktie.
Auf den Ruinen der Air Union
Der neue Player auf dem Markt ist in Wirklichkeit das Produkt der Krise, die die russischen Fluglinien schon vor vielen Monaten erfasst hat. Gerade aufgrund der Kerosinpreise, die zwischendurch höher waren als in Europa, waren mehrere Flugunternehmen in Turbulenzen geraten und wie im Fall der vormaligen Flugallianz „Air Union“ hart auf dem Boden gelandet.
Auf ihren Ruinen wird die neue Fluggesellschaft errichtet. In sie bringt „Rostechnologii“ alle Staatsanteile an zehn inländischen Kleinfluglinien ein. Die Stadt Moskau nimmt mit ihrer Fluglinie „Atlant-Sojus“ teil. Quasi als Antwort auf die Konkurrenzallianz gab die Aeroflot am Donnerstag ein Lebenszeichen von sich, und bekundete ihr Interesse am staatlichen 25-Prozent-Anteil an der S7. Die war bekanntlich bis vor kurzem an der AUA interessiert.
Schuldenberg zum Einstand
S7 reagierte jedoch zurückhaltend, so wird künftig doch die „Avialinii Rossii“ Russlands Ziele in der Luft verwirklichen dürfen. Durch den Zusammenschluss mehrerer heterogener Linien entsteht nicht nur ein bunter Riese mit einem äußerst uneinheitlichen und daher wartungsteuren Fuhrpark sowie einem Netz von 250 Strecken, das erst bereinigt werden muss. „Avialinii Rossii“ übernimmt auch die schwachen Bilanzen und Schulden der einzelnen Kleinlinien.
So haben vier der elf Linien im vergangenen Jahr negativ bilanziert, die restlichen sieben erzielten einen Reingewinn von gerade mal 457 Mio. Rubel (12,6 Mio. Euro), rechnet die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ vor. Im Vergleich dazu flog „Aeroflot“ 313,4 Mio. Dollar (250 Mio. Euro) ein.
„Legt man aber die Anzahl der Passagiere zusammen, so kann man „Avialinii Rossii“ schon jetzt als Konkurrenten von Aeroflot bezeichnen“, meint der Branchenanalyst Jewgeni Schago. Die elf Kleinlinien transportierten 2007 etwa elf Millionen Passagiere, Aeroflot zehn Millionen. Damit war Aeroflot bisher die größte russische Fluglinie. Sie, die auch das Segment der Auslandsflüge dominiert, musste sich im Inlandsgeschäft lediglich von der Fluglinie S7 geschlagen geben. S7, die im Vorjahr 5,7 Millionen Passagiere transportierte, hat erst letzte Woche zum ersten großen Sprung ins internationale Geschäft angesetzt, indem sie ein weitreichendes Partnerschaftsabkommen mit der deutschen Air Berlin und der österreichischen Niki eingegangen ist.
Ungünstiger Zeitpunkt
Über die Erfolgsaussichten von „Avialinii Rossii“ gehen die Meinungen auseinander. Jelena Sachnova, Analystin der Bank VTB, hält den derzeitigen Moment des Zusammenschlusses für ungünstig, da das Flugpassagieraufkommen in Russland von den für heuer veranschlagten 15 Prozent Wachstum auf drei bis fünf Prozent Wachstum im Jahr 2010 schrumpfen werde. Erst ab 2011 sei wieder mit einem Anstieg zu rechnen.
Bei „Avialinii Rossii“ geht man selbst im schlimmsten Fall von 16 Millionen Passagieren im Jahr 2013 aus. Die vorgesehenen Investitionen von 15 bis 20 Mrd. Rubel würden vor allem in die Erneuerung des Fuhrparks gehen. Zur Begleichung der übernommenen Schulden baut man auf Zuschüsse des Staates.
Staat dominiert Flugmarkt
Dieser weitet mit der neuen Fluglinie seine Präsenz nun auch auf dem Flugsektor aus und bedient sich dazu – wie zuletzt üblich – der staatlichen und nur bedingt transparenten Großgesellschaften, in denen enge Vertraute von Premier Wladimir Putin das Sagen haben. Bei Rostechnologii etwa gibt Putins Exgeheimdienstkollege Sergej Tschemesow maßgeblich den Ton an.
Die staatliche Präsenz auf dem Flugsektor hatte schon zuvor zu Verzerrungen auf dem Markt geführt: Die halbstaatliche Aeroflot nämlich kassiert im unlauteren Wettbewerb jene 400 Mio. Euro an jährlichen Royalties, den Überfluggebühren, um deren Abschaffung die EU kämpft.
auf einen Blick
■Aus elf Inlandsfluglinienbastelt Russland die neue staatliche Flugallianz „Avialinii Rossii“, die den maroden russischen Airline-Verbund „Airunion“ ablösen soll.
■ Mit elf Millionen Passagieren ist die Allianz ein ernsthafter Konkurrent für Marktführer Aeroflot.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)