Hans-Ulrich Becker inszeniert „Floh im Ohr“ von Feydeau. Meistens vergnüglich, nur phasenweise missraten. Das Publikum wirkte begeistert.
Der Vorhang öffnet sich, der Blick fällt auf ein elegant karg eingerichtetes Zimmer mit vertikal von der Wand ragender Zimmerpflanze. Sieht aus wie eine Bananenstaude. Ein junger Mann macht sich an Laden zu schaffen, ein Mädchen mit zerzauster Frisur in kurzem Röckchen und transparentem Oberteil huscht aus der Tür, packt den Burschen von hinten. Die beiden umarmen einander, rollen zu Boden. Da, ein Geräusch! Der Mann stürzt davon... Ein hübscher Beginn für „Floh im Ohr“ von Feydeau im Theater in der Josefstadt. So geschmeidig, lustig und leichtfüßig bleibt es nicht, aber die Aufführung ist insgesamt wohl gelungen.
Alexander Pschill und Hilde Dalik heißen die beiden Akteure der Eröffnungsszene. Er spielt Camille, den Neffen des Hausherren, mit einem äußerst drolligen Sprachfehler. Sie gibt die Köchin. Dieses Paar verfügt über die artistische Körperlichkeit schlanker junger Schauspieler, wie sie heutzutage zuhauf auf Bühnen beliebt sind. Nicht alle Josefstädter Schauspieler bringen das, aber Becker macht das Beste aus ihnen.
In seiner Einleitung für die Premiere am Donnerstag sprach er über die Mechanik des französischen Lustspieldichters, eine gern strapazierte Beschreibung für Feydeau. Bei ihm muss man immer daran denken, dass er unter großem Stress litt wie seine Figuren: Der Vater von vier Kindern musste schreiben, um zu überleben, nachdem er das Familienvermögen verspekuliert hatte. Welch ein zeitgemäßes Schicksal. Feydeau starb geistig verwirrt in einem Sanatorium. Seine Stücke atmen Entgeisterung und Entsetzen, die existenzielle Erschütterung versteckt sich im rasanten Tempo.
André Pohl begeistert in Doppelrolle
„Floh im Ohr“: Ein Versicherungsdirektor mit dem königlichen Namen Victor-Emmanuel Chandebise leidet unter Impotenz. Seine hübsche Gattin Raymonde glaubt, dass er sie betrügt, ein Verdacht, der sich erhärtet, als ein Etablissement namens „Schmidts Katze“ Hosenträger des Angetrauten in einem Päckchen sendet.
Raymonde, die ihrerseits gerade eine Liebschaft mit dem Unternehmensanwalt und Freund der Familie, Tournel, anfangen wollte, drängt ihre Freundin Lucienne, den ungetreuen Gatten zu einem heißen Rendezvous zu bitten, um ihn auf die Probe zu stellen. Lucienne schreibt einen Lockbrief an Chandebise, der dummerweise ihrem fürchterlich eifersüchtigen spanischen Gatten Carlos in die Hände fällt...
Zu einem echten Charakterdarsteller hat sich André Pohl entwickelt. Einst war er eine mäßig begabte Stütze der Wiener Kammerspiele. Obwohl er nicht viel anders macht als damals, wirkt es ganz anders. Souverän wechselt Pohl zwischen dem skurrilen Versicherungsdirektor und dem trunksüchtigen Portier des Hotels „Schmidts Katze“. Nicht nur das Kostüm, sondern der ganze Mann verändert sich in Sekundenschnelle. Herrlich aus einem Guss ist auch Michael Dangl als wilder Spanier, der, die Pistole stets im Gürtel, die tändelnden Franzosen in Angst und Schrecken versetzt und am Ende weinend reumütig an die Brust seiner Gattin sinkt, nachdem er überzeugt worden ist, dass die Geschichte mit dem Liebesbrief nur ein Trick gewesen ist. Mit tollem Dekolleté, knallrotem Kleid und charmantem Temperament ist Katharina Pichler als Lucienne, des Spaniers Frau, nicht nur ein Blickfang.
Das gilt kaum minder, wenn auch auf andere Art, für Sona MacDonald mit roten Löckchen und Korsett als Raymonde Chandebise. Toni Slama als Tournel vermag man den Verführer kaum abzunehmen, ebenso wenig wie Siegfried Walther den Puffvater, und Susanna Wiegand ist als Hure eher eine einförmig komische Nummer. Peter Scholz ward eine lächerliche Frisur verpasst, trotzdem schlägt er sich wacker als bisexueller Arzt durch, der mehr seine amourösen Abenteuer als seine Patienten im Kopf hat.
Der erste und der dritte Akt sind wohlgeraten. Im mittleren Bordell-Teil stürzt die Aufführung ab in die Klamotte. Da ist das Publikum aber schon gewonnen und lacht gerne mit, wenn Thomas Groß wie ein für den Hüttenabend beim Skikurs gewandeter Cowboy mit Baseballschläger herumrennt und das drehbare Bühnenbild (Alexander Müller-Elmau) klemmt, sodass es von den Akteuren mit Gewalt herumgeschoben werden muss. Was für eine Gaudi! Ja, so kann man Feydeau machen.
Achim Benning hat ihn in den Achtzigerjahren im Burgtheater inszeniert: die Komik aus bitterem Ernst entwickelnd. Gut, aber nicht viel besser als hier. Feydeau ist haarig, weniger wegen der Mechanik als wegen der Schwierigkeit, aus Spielfiguren Menschen zu machen. Das ist geglückt. Die Josefstadt modernisiert das Amüsement fürs Abonnement. Gute Idee. Hat lang genug gedauert.
JOSEFSTADT: TERMINE
■Georges Feydeaus „Floh im Ohr“ in der Regie von Hans-Ulrich Becker mit André Pohl, Sona MacDonald, Katharina Pichler, Kurt Sobotka u.a. wird am 25., 28. Oktober sowie am 2., 7. und 10. November gespielt. Kartenreservierung: 427 00-309.
Die nächste Premiere im Haupthaus ist „Besuch bei dem Vater“ von Roland Schimmelpfennig, eine Art zeitgenössische Ergänzung zu Thomas Manns „Buddenbrooks“, mit Joachim Bißmeier, Tatja Seibt, Florian Teichtmeister (ab 22. November).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)