Corporate Governance: Unternehmensethik ist wieder gefragt

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Früher ging es Aktionären vor allem um hohe Gewinne. Doch seit die Finanzkrise tobt, fragen sie zunehmend, wie transparent ihre Unternehmen sind.

Aktionäre, vor allem solche von Immobiliengesellschaften, haben in den vergangenen Monaten viel Geld verloren. Schuld daran, so stellt sich nun vielfach heraus, war nicht immer nur der Markt. Experten orteten auch schlechte „Corporate Governance“, etwa bei der Immofinanz-Gruppe. Dort wurde Geld aus der Kapitalerhöhung der Tochter Immoeast nicht in Immobilien, sondern in riskante Anleihen investiert. Der neue Immofinanz-Chef Thomas Kleibl versprach, die „Corporate Governance“ der Gruppe zu verbessern. Mangelhafte „Corporate Governance“ hatte man auch kritisiert, als sich herausgestellt hatte, dass die damalige Meinl European Land vor mehr als einem Jahr heimliche Zertifikatsrückkäufe getätigt hatte.

Interessenkonflikte vermeiden

„Corporate Governance“ bedeutet Wohlverhalten von Unternehmen. Im engeren Sinn ist meist Transparenz gegenüber Anlegern gemeint. Auch sollten Interessenkonflikte vermieden werden: Vorstände sollten dem Unternehmen und seinen Aktionären verpflichtet sein, nicht aber nahe stehenden Banken, denen man häufig hohe Managementgebühren bezahlt hatte– auf Kosten der Aktionäre.

Dass Investoren sich mehr für „Corporate Governance“ interessieren, bekommen die meisten Immobiliengesellschaften zu spüren: „Viele Anleger sind jetzt sehr vorsichtig geworden, und oft werden alle Immobiliengesellschaften über einen Kamm geschoren“, stellt Peter Sidlo, Leiter Investor Relations bei der Conwert, fest. Dann muss man darlegen, wie transparent man selbst ist. Die Conwert bekenne sich seit Jahren zum österreichischen Corporate-Governance-Kodex, sagt Sidlo. Das muss sie auch: Der Kodex ist zwar nicht gesetzlich verpflichtend, aber bindend für alle Unternehmen im Prime Market der Wiener Börse. Also auch für Immofinanz, Immoeast, CA Immo, CA Immo International, Conwert, Eco Business, S-Immo und Warimpex. Der Kodex beinhaltet unter anderem gesetzliche Bestimmungen, etwa, dass alle Aktionäre gleich behandelt werden müssen, oder dass ein Vorstand nicht gleichzeitig Aufsichtsrat (also Kontrolleur) sein kann. Dann gibt es auch Bestimmungen, die lediglich eine Selbstverpflichtung darstellen, etwa dass Kleinaktionäre unter bestimmten Voraussetzungen einen Vertreter im Aufsichtsrat haben sollen. Wer im Prime Market notiert, muss darauf hinweisen, wenn er solche Bestimmungen nicht einhält.

„Corporate Governance war in den Roadshows (beim Werben um große Investoren, Anm.) schon immer ein Thema“, sagt CA-Immo-Vorstand Wolfhard Fromwald. Durch Verweisen auf die Einhaltung des Corporate-Governance-Index allein gewinne man aber noch kein Vertrauen, ist er überzeugt. „Dass man ein Bekenntnis abgibt, ist die eine Sache, dass man es lebt, eine andere.“ Natürlich bedürfe es seiner Meinung nach gesetzlicher Bestimmungen, da alles andere zahnlos sei. „Der Mensch ist aber schlau und findet immer Auswege, diese Bestimmungen zu umgehen.“

Verflechtungen zu Banken

Bleibt den Anlegern also nur die Hoffnung, dass ihr Vertrauen nicht enttäuscht wird? Ein wenig kommt ihnen die Krise zu Hilfe. Diese habe dazu beigetragen, dass in Sachen Corporate Governance vieles besser geworden sei, meint Wilhelm Rasinger vom österreichischen Interessenverband für Anleger (IVA). Gerade bei Immobilienfirmen sei extrem viel passiert, um die Rechte der Aktionäre zu verbessern: Fast alle Gesellschaften managen sich selbst; teure Verflechtungen zu Banken wurden aufgelöst. „Die Aktionäre haben für die Ablösung der Managementverträge zwar oft einen hohen Preis bezahlt, aber immerhin ist es passiert“, sagt Rasinger.

Die Zahl der Gesellschaften, die Dividenden ausschütten, ist gestiegen. Das macht Anleger von Kursschwankungen ein wenig unabhängiger. Was laut Rasinger noch ausständig ist: eine Reform der Rechnungslegung. So sollten Gewinne, die die Unternehmen beim Verkauf von Immobilien erzielen, erst dann in der Bilanz aufscheinen, wenn die Immobilie veräußert ist. Derzeit ermitteln Gutachter regelmäßig den Wert der bestehenden Immobilien. In den vergangenen Jahren wurde der Wert meist nach oben revidiert. So kam es zu „Aufwertungsgewinnen“, die es in Wirklichkeit nur auf dem Papier gab.

Mehr Transparenz gefragt

Rasinger fordert auch, dass Immobiliengesellschaften einen Teil der Gewinne ausschütten. Im Fall der angeschlagenen Immofinanz begrüßt er aber, dass sie die Ausschüttung der Dividende abgesagt hat. Fromwald wünscht sich auch von den anderen Emittenten von Wertpapieren mehr Transparenz: Wenn eine Bank ein Zertifikat auf die CA-Immo-Aktie ausgebe oder gar gegen sie spekuliere, sollte das dem Vorstand mitgeteilt werden.

MEHR REGELN – Contra

Bekenntnisse sind das eine, Handlungen das andere, meinen Kritiker von detaillierteren Regelungen. Corporate-Governance-Vorschriften können nur allgemeine Dinge regeln. Den Unternehmen bleibe dann bei der Ausgestaltung genug Spielraum, um die Regeln zu umgehen. Nach einer Krise wird die Corporate Governance der Unternehmen meist besser: Fehler, die zur Krise geführt haben, werden vermieden.

MEHR REGELN – Pro

Im Zuge der Finanzkrisewerden Rufe laut, Unternehmen in Sachen Transparenz stärker an die Kandare zu nehmen. Teilweise ist das schon passiert: Die Kriterien zur Unabhängigkeit von Aufsichtsräten (die die Unternehmen kontrollieren) wurden im Unternehmensrecht verschärft. Über außergewöhnliche Geschäfte muss genauer Auskunft gegeben werden. Was nicht Gesetz sei, sei zahnlos, wird argumentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)


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