James Bond ist das Vorbild für Wachtelei-Fetischisten und GTI-Klubs.
Natürlich werde ich mir demnächst den neuen James-Bond-Film anschauen, auf der größtmöglichen Leinwand, am besten wäre ein Kino am Londoner Leicester Square, aber wahrscheinlich wird es doch wieder nur ein Saal in Favoriten oder Landstraße, wo man heute noch Toast Hawaii ordern kann.
Warum, frage ich mich, ist meine Generation seit gut 30 Jahren so stark auf die Abenteuer dieses Geheimdieners seiner Majestät fixiert? Wirkt bei uns Midlife-Krisenmanagern, die das Herzstück der Fangemeinde ausmachen, noch immer der Schock des Kalten Krieges nach? Immerhin rettet Agent 007 die Welt ständig vor der Apokalypse, den roten Teufeln. Das macht emotionell abhängig. Oder ist es das Verbotene, weil wir in der besten Zeit Sean Connerys noch zu klein waren, um die Machosprüche in ihrer tieferen Bedeutung zu verstehen und beim Anblick der Andress im Kampfbikini vom Blutverlust im Hirn beinahe ohnmächtig wurden?
Ich habe eine andere Theorie. James Bond ist der Zelluloid gewordene Tagtraum eines Kleinbürgers. Er bewegt sich unter den Schönen, Reichen und Mächtigen, seine Einsätze hat er jenseits des Pauschaltourismus. Er kriegt immer die neuesten Gadgets, die schärfsten Autos und protzigsten Uhren – und offensichtlich auch die willigsten Frauen, wobei niemals auszuschließen ist, dass sie vom KGB bezahlt sind. Denn auch Bond ist eine Marionette, ein B-Beamter, der im Sekretariat seines Chefs mit einem Formular um das Geldpaket ansuchen muss, das er dann dienstlich im Kasino einsetzen darf.
Bond ist ein Subjekt, das sich auf höhere Anordnung hin wie ein Butler im Umfeld der High Society bewegen darf. Selbst für die verkommensten russischen Oligarchen bleibt er eine lästige Kuriosität, und für ein Dinner bei Ihrer Majestät, der Königin von Großbritannien, würde es niemals reichen. Also tröstet sich dieser Held mit exklusiv scheinendem, in Wahrheit aber billigem Konsum. Herbert Marcuse würde sagen, er lässt sich durch die Warenwelt von den wahren Herrschaftsverhältnissen ablenken. In diesem Sinne ist Bond der Erzvater der Yuppies, ein Wachtelei-Fetischist. Die Anzüge müssen so aussehen, als ob sie in Paris geschneidert wurden, und statt des Aston Martin fährt der wahre Geheimagent 007 so wie seine treuesten Fans wahrscheinlich einen unmäßig übermotorisierten Volkswagen.
Ein Weltenretter? Bond und seine willigen Freunde können von Glück reden, wenn sie nicht nach dem Konsum von einigen Wodka-Martinis – gerührt, nicht geschüttelt – aus der nächsten Kurve fliegen. Sollen wir also unseren Heros, nachdem er hier enttarnt wurde, begraben? Nein, Bond lebt, neuerdings als Bobo verkleidet. Seine bevorzugten Speisen sind wahrscheinlich ayurvedisch ausgewogen, fair gehandelt und ökologisch unbedenklich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)