"Letzte Patrone im Colt der CSU": Seehofer neuer CSU-Chef

(c) EPA (Daniel Karmann)
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Vier Wochen nach dem Desaster bei der Bayern-Wahl wurde Horst Seehofer zum CSU-Chef bestimmt. Er ist nun die letzte Hoffnung der Partei.

Horst Seehofer ist neuer Vorsitzender der CSU. Vier Wochen nach dem Desaster bei der Bayern-Wahl wählte ein Sonderparteitag Seehofer am Samstag in München zum Nachfolger von Erwin Huber. Gegenkandidaten hatte Seehofer nicht. Er erhielt 786 von 870 gültigen Stimmen, das sind 90,3 Prozent. 84 Delegierte stimmten mit Nein. Der bisherige deutsche Landwirtschaftsminister soll am Montag auch zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt werden.

Nach einem Jahr Doppelspitze werden mit Seehofer die Chefposten in Partei und Regierung wieder zusammengelegt. Huber und der scheidende Regierungschef Günther Beckstein mussten nach dem Absturz der CSU bei der Landtagswahl Ende September ihre Ämter abgeben. Der Parteitag hatte zuvor den Koalitionsvertrag mit der FDP gebilligt. Die CSU ist nach dem Verlust ihrer absoluten Mehrheit erstmals seit 46 Jahren wieder auf einen Regierungspartner angewiesen.

"Wir sind ein Kraftpaket"

Seehofer will die Gräben in seiner Partei überwinden und ihr Profil in Berlin schärfen. Gegenüber der großen Schwester CDU kündigte er einen "klaren und harten Kurs" an: "Mein Arbeitsplatz ist künftig München, aber meine Kampfkraft wird sich auch auf Berlin erstrecken", sagte Seehofer.

Seehofer beschwor in einer kämpferischen Rede die Stärke der Partei. "Wir sind ein Kraftpaket als CSU", das dürfe man bei aller nötigen Wahlanalyse und Selbstkritik nicht vergessen. Seehofer sieht für seine die CSU weiterhin ein Potenzial zwischen 50 und 60 Prozent der Wählerstimmen. Viele CSU-Anhänger seien bei der Landtagswahl vor vier Wochen lediglich ausgewichen in ein anderes bürgerliches Lager, "sie sind nicht übergelaufen", analysierte Seehofer. Diese Wechselwähler müssten zurückgewonnen werden. Die Wähler müssten merken, "bei denen brennen die Herzen".

Seehofer sprach auch von Parallelen zu Österreich. Die CSU habe das gleiche Schicksal erlitten wie VP-Altkanzler Wolfgang Schüssel. Auch Schüssel sei mit blendenden Wirtschaftsdaten angetreten und musste erleben, wie Alfred Gusenbauer Kanzler wurde, sagte Seehofer. Zur Politik gehörten eben auch "weiche Themen". Zum Beispiel auch, wie man miteinander umgehe.

Seehofer vor seiner schwersten Rolle

Horst Seehofer ist die letzte Hoffnung der CSU. Der 59 Jahre alte Hüne aus Ingolstadt vereinigt mehrere Persönlichkeiten in sich: er ist der größte Charmeur der CSU, ihr stärkster Einzelspieler - und ihr begabtester Wendehals. Nun soll der ehemalige deutsche Gesundheits- und noch amtierende Agrarminister seine Partei aus ihrer schwersten Krise seit einem halben Jahrhundert führen.

Bisher war Seehofer CSU-intern umstritten. Doch seit der CSU-Katastrophe bei der Bayern-Wahl gilt das nicht mehr. Ein Überlebender der Kohl-Ära soll nun im Herbst seiner politischen Karriere die darnieder liegende CSU zu neuem Glanz führen. Der Passauer Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter nennt ihn "die letzte Patrone im Colt der CSU".

Erste Niederlage bereits vor Amtsantritt

In Seehofers Auftrag sollte die alte bayerische Staatsregierung aus Ministerpräsident Günther Beckstein und CSU-Chef Erwin Huber den Vorstandschef der schwer angeschlagenen BayernLB, Michael Kemmer, aus dem Amt kegeln. Das misslang - und Seehofers Autorität steht in Zweifel.

Doch hat Seehofer schon ganz andere Krisen überstanden. Eigentlich war er schon "politisch tot", wie Seehofer selbst offen einräumt. Anfang dieses Jahrzehnts setzte ihn eine lebensgefährliche Herzkrankheit mehrere Jahre außer Gefecht.

Ruf des "fintenreichen Taktierers"

Nach seiner Rückkehr in die Politik überwarf er sich im Streit um die Kopfpauschale mit CDU-Chefin Angela Merkel. Seehofer verlor seinen Posten als Unionsfraktionsvize im Bundestag. Doch 2005 war er wieder da: Als Bundesagrarminister.

2007 folgte eine ganz andere Krise: Vor allem bei vielen Frauen in der CSU löste die Liebesaffäre des dreifachen Familienvaters mit einer viel jüngeren Bundestagsmitarbeiterin Empörung aus. Doch der charismatische Oberbayer besitzt eine besondere Gabe: Er gibt seinen Zuhörern das Gefühl, er sei einer von ihnen. Gleichzeitig sehen ihn viele in der CSU als fintenreicher Taktierer, einen Mann, der sich immer alle Optionen bis zum letztmöglichen Zeitpunkt offenhält.

(Ag.)

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