Wenn nur der Beethoven net wär

Nali Gruber, Gustavo Dudamel – Animatoren von Format im heiklen Ambiente hoher Ansprüche.

Wie dringend brauchen wir Musik in unserm Leben? Die Alte Welt, das Musikland Österreich voran, gibt Antwort, indem sie die musikalischen – oder besser und umfassender: die musischen Grundlagen aufs Sträflichste vernachlässigt. Im Bildungssystem nehmen Musik und Kunst einen marginalen Stellenwert ein. Notmaßnahmen werden reumütig an höchster Stelle implementiert: Wenn die Philharmoniker unter Nali Gruber zum Nationalfeiertag im Konzerthaus ein Programm mit Musik vorstellen, die sie sonst nicht spielen – vom (dank dem phänomenalen Solisten Julian Rachlin hoch expressiv ausgelegten) Strawinsky-Violinkonzert über Jazziges von Antheil bis Bernstein bis zu Grubers „Frankenstein“-Suite –, dann dürfen Volksschulkinder dazu eine Choreografie aufführen. Sympathisch, doch wohl eher als verzweifelter Versuch zu qualifizieren, über die radikale Ausklammerung musischer Grundlegung im Leben eines jungen Österreichers hinwegzutäuschen.

Szenenwechsel: Während besagte philharmonische Initiative bejubelt wurde, jubelte das Publikum auch im Musikverein, und zwar über das Gastspiel des Göteborger Symphonieorchesters unter Gustavo Dudamel. Der wiederum hat seine Karriere als Chef des Simón Bolívar Jugendorchesters gemacht und kraft seines Charismas dafür gesorgt, dass südamerikanische Jugendliche aller (vor allem unterster) sozialer Schichten durch Musik von Bach bis Schostakowitsch neues Selbstwertgefühl fanden – als Wunder in aller Welt auf Tourneen bestaunt.

Als Animator ist Dudamel schon deshalb aller Ehren wert. Doch droht er unter die Räder des „alten“ Kulturbetriebs zu kommen, weil er als ideal vermarktbares Dirigierwunderkind einem Betrieb integriert wird, der noch andere Voraussetzungen benötigte, vor allem die: altgediente Symphonieorchester nicht nur zu Leistungen anzuspornen, deren sportives Element auch älteren, routiniert gewordenen Geigern (wieder) Spaß macht, sondern mit handwerklichem Geschick und eminenter Repertoirekenntnis den Orchesterklang souverän auszutarieren und für inhaltlich tiefgehende Interpretationen zu sorgen.

Anders als bei effektvollen Stücken zwischen „Symphonie fantastique“ und „Sacre du printemps“ wirken sich angesichts einer Zweiten Beethoven diesbezügliche Mangelerscheinungen schlimm aus. Genau genommen, war lange keine so schlampige, klanglich unausgewogene, also unbewältigte Aufführung einer Beethoven-Symphonie mehr in Wien zu hören. Die Göteborger sind im ersten Jahr der Chefdirigentenschaft Dudamels jedenfalls nicht zu einem erstklassigen Orchester geworden, und er nicht zu einem auch nur annähernd kompetenten Interpreten. Darüber kann der mitreißende „Zund“ der Ecksätze nicht hinwegtäuschen. Es ist ein Kreuz mit dem klassischen Erbe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2008)

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